Donnerstag, 23. August 2012

Gruß aus Yokohama

Leider ist unsere Webseite zur Zeit vom Netz genommen und deshalb hier nur einen kurzen Gruß!

Wir sind zurück in Japan und wohnen nun in Yokohama, Japans zweitgrößter Stadt. Die Kinder können hier in eine deutsche Schule gehen. Unser Dienst konzentriert sich in den nächsten 12 Monaten darauf, unsere Kollegen als Regionalleiter zu unterstützen. Gleichzeitig sind wir aber auch schon am Fragen, wo und wie die nächste Gemeindegründung in unserer Region aussehen kann.

Montag, 4. Juli 2011

Community Café Einsatz in Otsuchi/Iwate Präfektur

Seit einigen Wochen fährt Micah Ghent in seinen Semesterferien mit einem mobilen Café in der Küstenregion Iwates verschiedene Orte an. Meist sucht er eine passende Stelle nahe einer Massenunterkunft oder eines neu entstandenen Wohngebietes mit temporären Unterkünften, bei dem er sein Café aufbaut. Neben kostenlosen Getränken und Kuchen, gibt es auch einen kleinen Büchertisch mit christlicher Literatur, die den Opfern der Tsunamikatastrophe helfen soll, die traumatischen Ereignisse der letzten Monate zu überwinden.
Am Samstag, den 25.6., konnten wir uns als Kanagi Gemeinde ebenfalls in diese Arbeit für einige Stunden einklinken. In der vorangegangen Bibelstunde backten wir gemeinsam Kekse, außerdem bereiteten wir Bastelarbeiten für Kinder und Kuchen vor. Dann ging es um 5.00 Uhr in der früh los zum Einsatz. Obwohl wir in der Nachbarpräfektur wohnen, dauert ein Weg 5 Stunden. Bei der Ankunft hatte Micah bereits alles aufgebaut und unsere Hauptaufgabe war es dann, uns um die Gäste zu kümmern. Diesmal waren wir in Otsuchi, einem Ort, bei dem am 11. März die Hälfte der Bevölkerung ums Leben kam. Viele junge Leute haben in den letzten Wochen die Region verlassen, um anderswo Arbeit zu finden, und so herrscht eine gewisse Hoffnungslosigkeit. Wir befanden uns etwa 100m von der Verwüstung entfernt, in einer Nachbarschaft, die noch intakt ist. Dort hat ein Anwohner ebenfalls ein paar Zelte aufgebaut, damit Leute einen Platz zum Austausch haben. Von seiner Verwandtschaft kamen 20 ums Leben, von denen nur 5 gefunden werden konnten. Als Überlebender fühlt er die Verantwortung, etwas zu tun.
Die Leute die kamen, waren dann auch sehr unterschiedlich von der Katastrophe betroffen.
Unser Sohn Aviel bastelte mit zwei Mädchen und erst nach einer Weile stellte sich heraus, dass das eine durch die Tsunami Mutter und Schwester verloren hatte und nun mit dem Vater bei einem Onkel untergekommen ist.
Eine ältere Frau erzählte über ihr Leben in der Massenunterkunft. Durch den Stress leidet sie an Bluthochdruck und nimmt regelmäßig Beruhigungsmittel. Die einseitige Ernährung der letzten Monate macht ihr ebenfalls zu schaffen. Sie sucht immer noch nach ihrer Schwester, die sich in einer anderen Notunterkunft befinden soll. Aber da weder sie noch ihre Schwester eine Telefonnummer oder Adresse voneinander haben, können sie keinen Kontakt aufnehmen.
Ein Mann berichtete, dass er endlich eine temporäre Wohnung zugeteilt bekommen hat und am nächsten Tag umziehen kann. Diese neu errichteten "Blechhäuser" sind zwar sehr eng, haben aber wenigstens eine kleine Küchenzeile und ein eigenes Bad.
Eine Anwohnerin, deren Haus nicht von der Tsunami betroffen war, wirkte auf den ersten Blick sehr gefasst. Aber im Gespräch stellte sich heraus, dass sie ihre 35-jährige Nichte und deren Sohn, der im April eingeschult werden sollte, verloren hat. Am Sonntag zuvor wurde der neue Ranzen ausgepackt und sie waren noch alle zusammen essen. Sie berichtete, dass ihre Nichte mit dem Sohn nach dem Erdbeben sofort in das vorgesehene Gebäude zum Schutz vor der drohenden Tsunami geflohen sei. Aber von den über 200 Menschen, die sich dorthin gerettet hatten, haben nur 20 überlebt. Das Wasser spülte bis fast zur Decke des 2. Stockwerks ins Haus. Als das Militär das Haus später nach Toten durchkämmte, fanden sie die Mutter im 2. Stock, doch den Jungen nicht. Schließlich hat sich der Vater nochmals auf die Suche gemacht und seinen Sohn dann im 1. Stock gefunden. Die Frau war davon so mitgenommen, dass sie nun regelmäßig Beruhigungsmittel und Medikamente gegen hohen Blutdruck einnimmt und nicht mehr alleine an einem Ort sein kann.
Später kam ein Bus mit freiwilligen Helfern aus Tokyo, die ebenfalls dankbar für eine Tasse Kaffee waren und Interesse an den Büchern zeigten. Gegen Nachmittag konnten wir sogar zwei deutsche Lehrer der dt. Schule in Yokohama treffen. Die Mütter der Schulkinder hatten viele kleine Kuchen gebacken, die sie in der Region zur Ermutigung der Menschen verteilten.
Wir waren erstaunt, wie offen und dankbar die Menschen in Otsuchi waren. Normalerweise braucht es lange, bis sich Japaner für andere öffnen und Anteil an ihrem wahren Ergehen geben.
Wir sind dankbar, dass wir den Menschen trotz der begrenzten Zeit ein wenig Hoffnung bringen konnten.

Übrigens gibt es nun auch eine dt. Übersetzung von Berichten der Arbeit von Crash: crashjapan.de

Freitag, 24. Juni 2011

Die "March 11"-Katastrophe hat weitere Folgen

Japan steht immer noch mitten in den Herausforderungen, die dreifach Katastrophe vom März in den Griff zu bekommen. Daneben gehen die Nachbeben weiter. So hat es diese Woche am Mittwochabend und Donnerstagmorgen nochmals recht kräftig hier oben in Aomori gewackelt. Das eine Erdbeben hatte wieder eine Stärke von 6,4. Eine gute Übersicht der Nachbeben der letzten Woche findet man auf folgender Webseite: Erdbebenübersicht
Eine große Sorge zur Zeit sind die zunehmenden Selbstmorde unter den Überlebenden in den betroffenen Gebieten.
Die Japan Times berichtet (http://search.japantimes.co.jp/cgi-bin/nn20110623f1.html) von einem Milchbauern in Fukushima der mit Kreide an die Wand des Kuhstalls folgende Botschaft geschrieben hat: "Ach, wenn es doch bloss kein Atomreaktor gäbe!" Sein Bauernhof liegt 45km vom haverierten Atomkraftwerk entfernt und deshalb konnte er seine Milch nicht mehr verkaufen. Dies führte dazu, dass er seine Kühe schlachten musste und dann selbst seinem Leben ein Ende setzte. "Ich habe die Energie verloren, weiter zu machen.", waren seine letzten Worte.
Das ist kein Einzelfall. Ein Gemüsebauer, endete sein Leben, nachdem Radioaktivität in seinen Feldern nachgewiesen wurde. In Iwate gibt es Fälle von Selbstmord, von Männern, deren Firma durch die Tsunami weggeschwemmt wurde.
Ein Mann konnte es nicht ertragen, dass seine Frau und Kinder gestorben sind und er als einziger verschont wurde.
Die Situation hat sich zwar etwas beruhigt, aber die Verantwortlichen machen sich Sorgen über die langzeitlichen Auswirkungen der Katastrophe.
Zur Zeit ziehen viele Leute aus den Massenunterkünften in temporäre Wohnungen. Dieser Übergang fällt aber manchen sehr schwer, da sie die letzten Monate mit anderen Betroffenen verbracht haben, die ihre Situation verstanden haben. Nun mit der Situation alleine klar zu kommen, ist für manche sehr schwierig. Ein alter Mann, der in einer Massenunterkunft wohnt, sagt: "Ich bin allein, aber die anderen Leute hier geben mir Halt. Ich bin sehr dankbar, wenn mir eine Wohnung angeboten wird, solange ich solche Menschen, um mich herum wohnen habe."
"Unser Ziel ist es Vorsorge zu betreiben, dass die Menschen, die Obdachlos geworden sind, nicht in Depressionen und letztendlich Selbstmord fallen."

Wir sind dankbar, dass wir als ÜMG mithelfen können im Gespräch mit den Menschen zu bleiben. Der Sohn unseres Teamleiters Micah konnte letzte Woche mit einem mobilen Café beginnen. In seinem Auto hat er ein Zelt, Stühle und Tische, die er in kurzer Zeit als Café aufbauen kann. Neben kostenlosen Getränken und Kuchen ist es natürlich ein Hauptziel, Japanern einen Ort zu geben, an dem sie zusammen kommen können, um Auszutauschen. Außerdem bietet er christliche Ratgeber an, die in dieser Situation helfen können. Aus unserer Gemeinde werden wir diesen Samstag ebenfalls diese Café-Arbeit unterstützen.


Freitag, 10. Juni 2011

3 Monate nach der Katastrophe - Bildimpressionen von der Küste Iwates

Obwohl die Japaner unermüdlich im Einsatz sind, gibt es auch nach drei Monaten noch viel zu tun!








open air Café in Otsuchi
ein Team von unserem Bezirk bereitete Stockbrot, Hamburger und japanischen Eintopf vor





provisorischer Apotheke

Freiwillige im Einsatz






auf großen Haufen wird der Müll gesammelt



die Uhr blieb stehen, als die Tsunami kam


Kokoro no Care - Sorge für das Herz tragen

"Kokoro no Care" heißt übersetzt "Sorge für das Herz tragen" und ist seit einigen Wochen ein wichtiges Thema in Japan. Drei Monate nach dem Erdbeben ist schon viel passiert, trotzdem sind noch fast 100.000 Menschen in Massenunterkünften. Neben den Herausforderungen des täglichen Lebens, trauern viele um ihre Angehörige. Manche, besonders ältere Menschen, haben Schuldgefühle, dass sie überlebt haben, aber jüngere Familienmitglieder gestorben sind.

In den Nachrichten vorgestern Abend wurde das Schicksal einer jungen Mutter gezeigt. Ihre Tochter war zur Zeit des Erdbebens im Kindergarten. Obwohl der Kindergarten sicher auf einem Hügel war, kam das 6-jährige Mädchen ums Leben, da der Kindergartenleiter die Kinder mit dem Bus nach dem Erdbeben nach Hause schickte. Dieser wurde von der Tsunami erfasst und brannte später aus. Ihre Tochter wäre Anfang April eingeschult worden. So hielt die Mutter ein Bild ihrer Tochter, das mit einer schwarzen Schleife umrahmt war, als die Namen der neuen Erstklässler aufgerufen wurden. Neben ihr stand noch eine Mutter, die anstelle ihres Kindes, ein Bild hielt und mit den Tränen kämpfen musste. Die Mutter kehrte die letzten 3 Monate täglich zur Unglücksstelle zurück, um nach einem Andenken ihrer Tochter zu suchen. Systematisch schaufelte sie in dem verkohlten Sand und Schlamm, und nach mehr als zwei Monaten fand sie ein paar Schuhe ihrer Tochter und ein Überrest eines Bildes, das ihre Tochter gemalt hatte. Nach 100 Tagen möchte sie die Suche beenden, aber sie weiß noch nicht ob sie es kann.

Ein älterer Mann berichtete, dass er weit außerhalb der Tsunamigefahrenzone wohnte und deshalb sein Haus nicht verlassen hatte. Trotzdem erfasste die Welle das Haus und er konnte sich gerade noch in den zweiten Stock retten. Seine Frau wurde von der Welle weggespült und ist seitdem vermisst. Auch er ging tagelang durch die aufgeweichten Sachen und war überglücklich, als er nach einigen Wochen ein Bild seiner vermissten Frau finden konnte.

Heike konnte letzten Samstag an einem Einsatz in Otsuchi teilnehmen, einem Ort an der Küste Iwates, in dem 1623 Menschen umgekommen sind (einschließlich Vermisster). Dort sprach sie mit einer älteren Frau, die nun schon seit dem Erdbeben in einer Notunterkunft lebt. Sie und ihr Mann führten ein Restaurant in der Nähe der Küste. Nach dem starken Erdbeben, wusste die Frau instinktiv, dass eine Tsunami kommen würde und bat ihren Mann, mit ihr zu fliehen. Doch ihr Mann wollte nicht auf sie hören und blieb. Sie schaffte es in letzter Minute in Sicherheit zu kommen, musste aber mit ansehen, wie ihr Haus, in dem sich ihr Mann befand, weggeschwemmt wurde. Bis heute ist er vermisst. Sie erzählte, dass sie nur nachts heimlich weint, weil sonst alle um sie herum auch nicht tapfer sein könnten. Tagsüber setzt sie sich für die anderen Tsunamiopfer ein und kocht für sie. Trotz ihrer Umstände war sie so freundlich und dankbar. Sie freute sich auch darüber, dass das Militär ihrer Notunterkunft nun ein japanisches Bad zur Verfügung gestellt hat, das sie zweimal täglich benutzt.

Drei Beispiele, die zeigen, wie lange es noch für viele dauern wird, diese Katastrophe zu verarbeiten.
C.R.A.S.H., die christliche Hilfsorganisation mit der wir als ÜMG zusammenarbeiten, bildet nun ebenfalls mehr und mehr ehrenamtliche Helfer als Seelsorger aus, die als Freiwillige Menschen helfen möchten, über dieses Trauma hinwegzukommen.

Bitte betet weiterhin für die Japaner!

Stromknappheit geht weiter

Hier in Japan erwartet man den Sommer mit gemischten Gefühlen. Denn nach wie vor sind viele Stromkraftwerke noch nicht am Netz. Deshalb wird es im heißen Sommer wahrscheinlich sehr schwierig werden, ein wenig Abkühlung zu bekommen. Millionen von Haushalten, Geschäften, Büros und Züge benutzen Klimaanlagen, um die feucht heißen Temperaturen (bis zu 38 C in Südjapan) erträglich zu machen. Bisher wurde oft stark heruntergekühlt und in den Büros weiterhin in Anzug und Krawatte gearbeitet. Dieses Jahr wird dies nun anders, denn wenn nicht gespart wird, müssen die Strombetreiber ganze Bezirke für einige Stunden täglich vom Netz nehmen.
In einer Broschüre von der Stromfirma hier im Norden, die wir gestern erhielten, fand ich folgende Übersichtskarte:

Die blauen Punkte sind zwei Atomkraftwerke, die zur Zeit still stehen. Auch die roten Kreuze stehen für Stromkraftwerke, die seit der Tsunami noch nicht ans Netz zurückkehren konnten. Erschwerend kommt hinzu, dass Japan eine Insel ist und somit nicht aus dem Ausland Strom importieren kann. Außerdem hat Westjapan eine andere Taktfrequenz (60 Hz) als Ostjapan (50 Hz), so dass der Ausgleich nicht innerhalb des Landes geschehen kann.
Ein heißer Sommer steht uns bevor. Wie gut, dass wir in einem sehr windigen Gebiet wohnen, indem wir bisher auch ohne Klimaanlage ausgekommen sind.

Montag, 25. April 2011

"Mama, wo bist Du?"

 Hunderte von Kindern haben ihre Eltern am 11. März aufgrund des Erdbeben und der Tsunami im Nordosten Japans verloren. Viele dieser Waisen schauen täglich aufs Meer hinaus und warten scheinbar darauf, dass sie wieder mit ihren Eltern zusammen kommen können. Manche von ihnen, lächeln mehr als üblich, als ob sie versuchen wollen die Einsamkeit zu vertreiben.
Manami ist ein Mädchen unter vielen, deren Eltern am 11. März starben oder vermisst sind. Sie war im Kindergarten, als das Erdbeben passierte. Ihre Mutter holte sie sofort ab und brachte sie nach Hause. Dieses war auf einer Anhöhe gebaut, direkt neben einer Grundschule, die als Platz ausgewiesen war zu dem Leute bei Tsunamiwarnungen fliehen können. Aber die Tsunami mit über 30 Metern Höhe überflutete mit einer Schlammlawine sogar diesen "sicheren" Ort. Manamis Eltern und ihre 2jährige Schwester wurden von der Welle mitgerissen. Nur Manami überlebte. Ihr Kindergartenrucksack hatte sich in einem Fischernetz verfangen, was ihre Rettung war. Aber erst eine Woche später fand sie ihre Großmutter in einer Notunterkunft. Sie war erschrocken, wie sehr ihre Enkeltochter gelitten hatte. "Sie schaute schweigend traurig vor sich hin. Ich dachte, sie hatte vergessen, wie man sprechen kann."
Zehn Tage nach der Flut, sagte Manami plötzlich, dass sie einen Brief an ihre Mami schreiben will. Sie öffnete ein Heft, suchte sich einen Buntstift aus und fing an in Hiragana, das sie erst kürzlich gelernt hatte, zu schreiben.
Über eine Stunde hinweg schrieb sie den folgenden Brief:

Liebe Mami,
Ich hoffe, Du lebst.
Geht es Dir gut?


Kurz darauf schlief sie ein. 

Die vierjährige Manami hat nach einer Weile wieder angefangen zu lächeln, aber sie möchte nicht in die Nähe ihres zerstörten Elternhauses gehen. Manchmal huscht ein Schatten des Schmerzes über ihr Gesicht. Ihre Großmutter möchte die Kleine zu sich nach Hause nehmen, aber diese weigert sich. "Ich warte hier, bis mich meine Mama abholt!", sagt sie. "Wird Papa bald anrufen?", fragt sie, während sie das eingeschaltete Handy ihres Vaters fest in ihren Händen hält.

(Quelle: Yomiuri News, http://www.yomiuri.co.jp/dy/national/T110331005873.htm)

Ostern in Japan

Auch dieses Jahr war von Ostern, wieder sehr wenig in Japan zu spüren. Karfreitag und Ostermontag sind hier normale Arbeitstage. Dieses Jahr war es noch schlimmer als die vorigen Jahre, da unser ältester Sohn sogar am Ostersonntag Schule hatte. Am Anfang des Schuljahres, das in Japan im April beginnt, gibt es für alle Schulkinder ärztliche Untersuchungen. Der Augenarzt, konnte auch dieses Jahr nur am Sonntag und so wurde der Dienstag mit dem Sonntag getauscht. Am heutigen Ostermontag war Besuchstag der Eltern in der Schule. Da das Wetter zudem sehr regnerisch war, fiel es uns dieses Jahr schwer so richtig in Osterstimmung zu kommen.
Trotzdem hatten wir letzten Freitag eine gut besuchte Osterjungschar, am Samstag haben wir als Familie etwas verfrüht die Auferstehung gefeiert und in der Gemeinde feierten wir Gottesdienst mit anschließendem Sobaessen (japanische Nudelsuppe). Deutsche Ostereier und Osterlämmer haben auch nicht gefehlt...
Die Auferstehungsbotschaft hatte dieses Jahr eine besondere Bedeutung mit fast 30.000 Japanern die durch die Tsunami im März ums Leben kamen, den vielen Nachbeben und dem extra Stress, den einzelne durch die Stromausfälle hatten. In die Angst dieser Welt sprach Jesus an Ostern "Friede sei mit Euch!" Dieser Friede gilt auch besonders seiner Gemeinde in Japan in diesen stürmischen Zeiten.

Dienstag, 19. April 2011

Zurück zum Alltag - aber doch nicht so leicht...

Letzten Donnerstag konnte ich meine Familie in Sapporo abholen. Dies war zwar der billigste Flug, den wir auf die schnelle vor fünf Wochen buchen konnten, ist aber für uns wirklich nicht der beste Flughafen, da sich die Reise dadurch nochmals um 10 Stunden verlängert hat (Autobahn und Fähre nach Aomori). Wir sind froh, dass die Trennungszeit vorbei ist, und wir wieder gemeinsam hier in Japan unterwegs sein können.
Die größte Hürde bei der Einreise und in den letzten Tagen waren Probleme mit Heikes Visum. Einige Tage vor dem Erdbeben hatten wir die Verlängerung unserer Visa beantragt. In die zweiwöchige Bearbeitungszeit fiel nun Heikes Rückreise, so dass ihr altes Visum in Deutschland auslief. Trotz einer Sonderregelung für diesen speziellen Fall, machte der Beamte am Flughafen viele Probleme. Heike bekam nur ein Besuchervisum, das wir am Montag wieder umschreiben lassen mussten. Heute waren wir einige Stunden auf der Stadtverwaltung, um wiederum eine neue Ausländerkarte zu beantragen, da diese ebenfalls einbehalten wurde.
Daneben galt es Aviel für die Schule vorzubereiten. Vor Montag musste er noch die Hausaufgaben der Frühlingsferien machen und etwas Lernstoff der ersten Woche nachholen. Auch gab es den üblichen japanischen Papierkrieg zum Schuljahresbeginn, bzw. Kindergartenbeginn zu erledigen. Die Kinder fühlen sich wieder wohl und freuen sich wieder, mit ihren japanischen Freunden zu spielen.
Die Schule hat uns auch sonst wieder im Griff. Am Ostersonntag hat Aviel einen normalen Schultag, da der Augenarzt kommt und dies nur Sonntags möglich ist. Am Ostermontag ist ein Besuchstag für die Eltern, an dem wir Aviel, in einer Stunde in seiner Klasse life erleben können. Allerdings wird die Zeit auch genutzt, die Eltern auf ihre Pflichten hinzuweisen, damit sich die Kinder richtig Verhalten und die maximale Leistung bringen.
Das aber doch noch nicht alles beim Alten ist, merkt man sehr bald. Der Ehemann unserer Klavierlehrerin hatte einen Monat keine Arbeit wegen dem Erdbeben. Im Supermarkt bleibt es herausfordernd Milch und Joghurt zu kaufen, da diese ausverkauft sind oder nur rationiert angeboten werden (1l pro Person). Das Reisen im Land bleibt schwierig, da der Schinkansen zwischen Aomori nach Tokyo noch nicht wieder eröffnet ist. Nächste Woche werde ich nun erstmals mit dem Nachtbus zu Sitzungen von OMF international reisen.

Auch im Land versucht man mit allen Kräften den Alltag wieder herzustellen. Dies ist jedoch oft sehr schwierig.
110 Schulen haben ihre Gebäude verloren und mussten in anderen Gebäuden unterkommen. Oft sind 60 Schüler in einem Klassenzimmer.
Fischer versuchen ihre Boote und Netze wieder flott zu bekommen, aber wie lange wird es dauern bis die Häfen wieder zu benutzen sind?
Nach fünf Wochen in Massenunterkünften sind viele Japaner in ihre Häuser zurückgekehrt, obwohl sie dort kein Strom und Wasser haben. Viele benutzen Stromgenerationen, die mit Benzin betrieben sind. Leider gab es in den letzten Tagen einige CO2-Vergiftungen, da Leute diese in ungelüfteten Räumen laufen ließen.
Die bevorstehende Regenzeit wird mit Sorgen erwartet. Vor dem Erdbeben gab es in Tohoku 31.000 Stellen, bei denen potentielle Erdrutsche möglich sind. Diese werden normalerweise nach jedem Erdbeben mit Stärke 5 oder höher kontrolliert. Mit den vielen Nachbeben und den dringenderen Problemen vor Augen, kann dies im Moment nicht geschehen. Gestern sind nach starken Regenfällen Häuser verschüttert worden, 5 Menschen starben.
Durch die Tsunami hat sich das Land an der Küste 70 cm gesenkt. Die Hochwassergefahr ist dort ebenfalls um ein vielfaches gestiegen.
Ein großes Anliegen bleibt, einfache Häuser zu errichten, damit Familien vorübergehend etwas Privatspähre haben. Dabei ist jedoch die Frage, wo man diese aufstellen kann. In der Ebene nahe am Meer ist Platz, aber die Tsunamigefahr bleibt dort weiterhin bestehen. Es sind Überlegungen da, ins Gebirge hinein zu gehen, aber das bedeutet natürlich einen enormen Aufwand, Plateaus zu erstellen und zugänglich zu machen.

Inmitten dieser Sorgen und Nöte feiern wir als Gemeinde diese Woche Ostern. Die Osterbotschaft wird dabei noch relevanter als zu vor. Denn Christus hat diese Welt überwunden. Er hat den Tod besiegt und lebt. Als Christen haben wir die Verheißung, dass er mit uns ist alle Tage bis ans Ende der Welt. Christus ist im Leid dabei. Er will helfen beim Wiederaufbau. Aber gleichzeitig hat er einen noch besseren Ort für alle Kinder seines Reiches vorbereitet. Wenn wir an ihn glauben, brauchen wir kein Visum, um dort hineinzukommen, sondern werden seine Kinder und bekommen das Bürgerrecht für den Himmel. Was für eine geniale Hoffnung!

Mittwoch, 13. April 2011

Die Lage entspannt sich - trotz Höchststufe 7

Die Meldung, dass das Reaktorunglück von der Atomsicherheitsbehörde nun mit der Stufe 7 bewertet ist, war ein großes Thema in den gestrigen jp. Nachrichten, da bisher nur Tschernobyl in diese Kategorie gefallen ist. Trotzdem heißt dies nicht, dass die Gefahr in den letzten Tagen gestiegen ist. Die Nachrichten der Deutschen Welle schreiben dazu: "Wie die Atomsicherheitsbehörde mitteilte, wird das Unglück auf der internationalen Bewertungsskala nunmehr auf der höchsten Stufe 7 eingeordnet - bislang galt noch Stufe 5. - Diese Kategorie bedeutet grundsätzlich, dass es Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen in einem weiten Umfeld gibt. Der Anlagenbetreiber Tepco erklärte indessen, es werde noch geprüft, wie viel Radioaktivität insgesamt austreten könne. Japanische Wissenschaftler wiesen darauf hin, dass die meiste Strahlung gleich zu Beginn der Krise ausgetreten sei. Die Hochstufung bedeute nicht, dass noch immer in hohem Maße Radioaktivität in die Umwelt entweiche." (Deutsche Welle Newsletter 12.4.2011; 18:15 UTC)
Insgesamt entspannt sich die Lage im Land wieder und viele "Ausländer" kommen zurück. Die Reisehinweise der deutschen Botschaft zeigen dies ebenfalls. Noch vor vier Wochen wurde vor Reisen nach ganz Ostjapan gewarnt, letzte Woche waren es die umliegenden Präfekturen um Fukushima und seit gestern warnt die Botschaft "nur noch" von Aufenthalten im Umkreis von 70 Kilometern (http://www.tokyo.diplo.de/). Die deutsche Schule Yokohama plant ab 18. April den Schulbetrieb wieder aufzunehmen, die Schulleitung ist dazu gestern nach Japan zurückgekehrt.
Viele internationale Schulen im Großraum Tokyo haben den Schulbetrieb normal weitergeführt, da das Risiko von anderen Botschaften geringer eingeschätzt wurde als von Deutschland.
Auch meine Familie wird wie geplant, heute nach Japan zurückreisen. Wir wohnen etwa 400 km von dem Reaktor entfernt, so dass wir uns keine Sorgen machen müssen.
Als OMF international (ÜMG) beschäftigt uns in den letzten Wochen weniger die Frage der eigenen Sicherheit, als die Frage, wie wir langfristig im Krisengebiet helfen können. Unser Felddirektor ist dazu gerade zwischen Fukushima und Iwate Präfektur unterwegs. In Zusammenarbeit mit den japanischen Gemeinden wollen wir verstärkt Jesu Hoffnung in dieses Gebiet bringen. Über die Organisation C.R.A.S.H., mit der ich in den letzten Wochen ebenfalls in Iwate zusammengearbeitet habe, werden in den nächsten Wochen weiterhin vor allem japanische Freiwillige mithelfen, die Not zu lindern. Die Hilfe sieht dabei von Stadt zu Stadt anders aus. In manchen Städten heißt es praktisch, Hand anzupacken, Häuser entrümpeln, Schlamm entsorgen und zu putzen. Andere Städte sind nach wie vor mit den vielen Menschen in den Notunterkünften überfordert und brauchen Unterstützung in der täglichen Versorgung von Tausenden von Menschen. Eine Stadt von 30.000 Einwohnern in Iwate muss täglich für 10.000 Menschen Mahlzeiten zur Verfügung stellen. Was für ein logistischer Aufwand ist dazu nötig.
Andere Städte kämpfen noch darum, den Schulbetrieb wieder aufzunehmen, so dass die Kinder wieder normale Strukturen haben und die Eltern mehr Zeit haben, sich dem Wiederaufbau zu widmen.