Montag, 4. Juli 2011

Community Café Einsatz in Otsuchi/Iwate Präfektur

Seit einigen Wochen fährt Micah Ghent in seinen Semesterferien mit einem mobilen Café in der Küstenregion Iwates verschiedene Orte an. Meist sucht er eine passende Stelle nahe einer Massenunterkunft oder eines neu entstandenen Wohngebietes mit temporären Unterkünften, bei dem er sein Café aufbaut. Neben kostenlosen Getränken und Kuchen, gibt es auch einen kleinen Büchertisch mit christlicher Literatur, die den Opfern der Tsunamikatastrophe helfen soll, die traumatischen Ereignisse der letzten Monate zu überwinden.
Am Samstag, den 25.6., konnten wir uns als Kanagi Gemeinde ebenfalls in diese Arbeit für einige Stunden einklinken. In der vorangegangen Bibelstunde backten wir gemeinsam Kekse, außerdem bereiteten wir Bastelarbeiten für Kinder und Kuchen vor. Dann ging es um 5.00 Uhr in der früh los zum Einsatz. Obwohl wir in der Nachbarpräfektur wohnen, dauert ein Weg 5 Stunden. Bei der Ankunft hatte Micah bereits alles aufgebaut und unsere Hauptaufgabe war es dann, uns um die Gäste zu kümmern. Diesmal waren wir in Otsuchi, einem Ort, bei dem am 11. März die Hälfte der Bevölkerung ums Leben kam. Viele junge Leute haben in den letzten Wochen die Region verlassen, um anderswo Arbeit zu finden, und so herrscht eine gewisse Hoffnungslosigkeit. Wir befanden uns etwa 100m von der Verwüstung entfernt, in einer Nachbarschaft, die noch intakt ist. Dort hat ein Anwohner ebenfalls ein paar Zelte aufgebaut, damit Leute einen Platz zum Austausch haben. Von seiner Verwandtschaft kamen 20 ums Leben, von denen nur 5 gefunden werden konnten. Als Überlebender fühlt er die Verantwortung, etwas zu tun.
Die Leute die kamen, waren dann auch sehr unterschiedlich von der Katastrophe betroffen.
Unser Sohn Aviel bastelte mit zwei Mädchen und erst nach einer Weile stellte sich heraus, dass das eine durch die Tsunami Mutter und Schwester verloren hatte und nun mit dem Vater bei einem Onkel untergekommen ist.
Eine ältere Frau erzählte über ihr Leben in der Massenunterkunft. Durch den Stress leidet sie an Bluthochdruck und nimmt regelmäßig Beruhigungsmittel. Die einseitige Ernährung der letzten Monate macht ihr ebenfalls zu schaffen. Sie sucht immer noch nach ihrer Schwester, die sich in einer anderen Notunterkunft befinden soll. Aber da weder sie noch ihre Schwester eine Telefonnummer oder Adresse voneinander haben, können sie keinen Kontakt aufnehmen.
Ein Mann berichtete, dass er endlich eine temporäre Wohnung zugeteilt bekommen hat und am nächsten Tag umziehen kann. Diese neu errichteten "Blechhäuser" sind zwar sehr eng, haben aber wenigstens eine kleine Küchenzeile und ein eigenes Bad.
Eine Anwohnerin, deren Haus nicht von der Tsunami betroffen war, wirkte auf den ersten Blick sehr gefasst. Aber im Gespräch stellte sich heraus, dass sie ihre 35-jährige Nichte und deren Sohn, der im April eingeschult werden sollte, verloren hat. Am Sonntag zuvor wurde der neue Ranzen ausgepackt und sie waren noch alle zusammen essen. Sie berichtete, dass ihre Nichte mit dem Sohn nach dem Erdbeben sofort in das vorgesehene Gebäude zum Schutz vor der drohenden Tsunami geflohen sei. Aber von den über 200 Menschen, die sich dorthin gerettet hatten, haben nur 20 überlebt. Das Wasser spülte bis fast zur Decke des 2. Stockwerks ins Haus. Als das Militär das Haus später nach Toten durchkämmte, fanden sie die Mutter im 2. Stock, doch den Jungen nicht. Schließlich hat sich der Vater nochmals auf die Suche gemacht und seinen Sohn dann im 1. Stock gefunden. Die Frau war davon so mitgenommen, dass sie nun regelmäßig Beruhigungsmittel und Medikamente gegen hohen Blutdruck einnimmt und nicht mehr alleine an einem Ort sein kann.
Später kam ein Bus mit freiwilligen Helfern aus Tokyo, die ebenfalls dankbar für eine Tasse Kaffee waren und Interesse an den Büchern zeigten. Gegen Nachmittag konnten wir sogar zwei deutsche Lehrer der dt. Schule in Yokohama treffen. Die Mütter der Schulkinder hatten viele kleine Kuchen gebacken, die sie in der Region zur Ermutigung der Menschen verteilten.
Wir waren erstaunt, wie offen und dankbar die Menschen in Otsuchi waren. Normalerweise braucht es lange, bis sich Japaner für andere öffnen und Anteil an ihrem wahren Ergehen geben.
Wir sind dankbar, dass wir den Menschen trotz der begrenzten Zeit ein wenig Hoffnung bringen konnten.

Übrigens gibt es nun auch eine dt. Übersetzung von Berichten der Arbeit von Crash: crashjapan.de

Freitag, 24. Juni 2011

Die "March 11"-Katastrophe hat weitere Folgen

Japan steht immer noch mitten in den Herausforderungen, die dreifach Katastrophe vom März in den Griff zu bekommen. Daneben gehen die Nachbeben weiter. So hat es diese Woche am Mittwochabend und Donnerstagmorgen nochmals recht kräftig hier oben in Aomori gewackelt. Das eine Erdbeben hatte wieder eine Stärke von 6,4. Eine gute Übersicht der Nachbeben der letzten Woche findet man auf folgender Webseite: Erdbebenübersicht
Eine große Sorge zur Zeit sind die zunehmenden Selbstmorde unter den Überlebenden in den betroffenen Gebieten.
Die Japan Times berichtet (http://search.japantimes.co.jp/cgi-bin/nn20110623f1.html) von einem Milchbauern in Fukushima der mit Kreide an die Wand des Kuhstalls folgende Botschaft geschrieben hat: "Ach, wenn es doch bloss kein Atomreaktor gäbe!" Sein Bauernhof liegt 45km vom haverierten Atomkraftwerk entfernt und deshalb konnte er seine Milch nicht mehr verkaufen. Dies führte dazu, dass er seine Kühe schlachten musste und dann selbst seinem Leben ein Ende setzte. "Ich habe die Energie verloren, weiter zu machen.", waren seine letzten Worte.
Das ist kein Einzelfall. Ein Gemüsebauer, endete sein Leben, nachdem Radioaktivität in seinen Feldern nachgewiesen wurde. In Iwate gibt es Fälle von Selbstmord, von Männern, deren Firma durch die Tsunami weggeschwemmt wurde.
Ein Mann konnte es nicht ertragen, dass seine Frau und Kinder gestorben sind und er als einziger verschont wurde.
Die Situation hat sich zwar etwas beruhigt, aber die Verantwortlichen machen sich Sorgen über die langzeitlichen Auswirkungen der Katastrophe.
Zur Zeit ziehen viele Leute aus den Massenunterkünften in temporäre Wohnungen. Dieser Übergang fällt aber manchen sehr schwer, da sie die letzten Monate mit anderen Betroffenen verbracht haben, die ihre Situation verstanden haben. Nun mit der Situation alleine klar zu kommen, ist für manche sehr schwierig. Ein alter Mann, der in einer Massenunterkunft wohnt, sagt: "Ich bin allein, aber die anderen Leute hier geben mir Halt. Ich bin sehr dankbar, wenn mir eine Wohnung angeboten wird, solange ich solche Menschen, um mich herum wohnen habe."
"Unser Ziel ist es Vorsorge zu betreiben, dass die Menschen, die Obdachlos geworden sind, nicht in Depressionen und letztendlich Selbstmord fallen."

Wir sind dankbar, dass wir als ÜMG mithelfen können im Gespräch mit den Menschen zu bleiben. Der Sohn unseres Teamleiters Micah konnte letzte Woche mit einem mobilen Café beginnen. In seinem Auto hat er ein Zelt, Stühle und Tische, die er in kurzer Zeit als Café aufbauen kann. Neben kostenlosen Getränken und Kuchen ist es natürlich ein Hauptziel, Japanern einen Ort zu geben, an dem sie zusammen kommen können, um Auszutauschen. Außerdem bietet er christliche Ratgeber an, die in dieser Situation helfen können. Aus unserer Gemeinde werden wir diesen Samstag ebenfalls diese Café-Arbeit unterstützen.


Freitag, 10. Juni 2011

3 Monate nach der Katastrophe - Bildimpressionen von der Küste Iwates

Obwohl die Japaner unermüdlich im Einsatz sind, gibt es auch nach drei Monaten noch viel zu tun!








open air Café in Otsuchi
ein Team von unserem Bezirk bereitete Stockbrot, Hamburger und japanischen Eintopf vor





provisorischer Apotheke

Freiwillige im Einsatz






auf großen Haufen wird der Müll gesammelt



die Uhr blieb stehen, als die Tsunami kam


Kokoro no Care - Sorge für das Herz tragen

"Kokoro no Care" heißt übersetzt "Sorge für das Herz tragen" und ist seit einigen Wochen ein wichtiges Thema in Japan. Drei Monate nach dem Erdbeben ist schon viel passiert, trotzdem sind noch fast 100.000 Menschen in Massenunterkünften. Neben den Herausforderungen des täglichen Lebens, trauern viele um ihre Angehörige. Manche, besonders ältere Menschen, haben Schuldgefühle, dass sie überlebt haben, aber jüngere Familienmitglieder gestorben sind.

In den Nachrichten vorgestern Abend wurde das Schicksal einer jungen Mutter gezeigt. Ihre Tochter war zur Zeit des Erdbebens im Kindergarten. Obwohl der Kindergarten sicher auf einem Hügel war, kam das 6-jährige Mädchen ums Leben, da der Kindergartenleiter die Kinder mit dem Bus nach dem Erdbeben nach Hause schickte. Dieser wurde von der Tsunami erfasst und brannte später aus. Ihre Tochter wäre Anfang April eingeschult worden. So hielt die Mutter ein Bild ihrer Tochter, das mit einer schwarzen Schleife umrahmt war, als die Namen der neuen Erstklässler aufgerufen wurden. Neben ihr stand noch eine Mutter, die anstelle ihres Kindes, ein Bild hielt und mit den Tränen kämpfen musste. Die Mutter kehrte die letzten 3 Monate täglich zur Unglücksstelle zurück, um nach einem Andenken ihrer Tochter zu suchen. Systematisch schaufelte sie in dem verkohlten Sand und Schlamm, und nach mehr als zwei Monaten fand sie ein paar Schuhe ihrer Tochter und ein Überrest eines Bildes, das ihre Tochter gemalt hatte. Nach 100 Tagen möchte sie die Suche beenden, aber sie weiß noch nicht ob sie es kann.

Ein älterer Mann berichtete, dass er weit außerhalb der Tsunamigefahrenzone wohnte und deshalb sein Haus nicht verlassen hatte. Trotzdem erfasste die Welle das Haus und er konnte sich gerade noch in den zweiten Stock retten. Seine Frau wurde von der Welle weggespült und ist seitdem vermisst. Auch er ging tagelang durch die aufgeweichten Sachen und war überglücklich, als er nach einigen Wochen ein Bild seiner vermissten Frau finden konnte.

Heike konnte letzten Samstag an einem Einsatz in Otsuchi teilnehmen, einem Ort an der Küste Iwates, in dem 1623 Menschen umgekommen sind (einschließlich Vermisster). Dort sprach sie mit einer älteren Frau, die nun schon seit dem Erdbeben in einer Notunterkunft lebt. Sie und ihr Mann führten ein Restaurant in der Nähe der Küste. Nach dem starken Erdbeben, wusste die Frau instinktiv, dass eine Tsunami kommen würde und bat ihren Mann, mit ihr zu fliehen. Doch ihr Mann wollte nicht auf sie hören und blieb. Sie schaffte es in letzter Minute in Sicherheit zu kommen, musste aber mit ansehen, wie ihr Haus, in dem sich ihr Mann befand, weggeschwemmt wurde. Bis heute ist er vermisst. Sie erzählte, dass sie nur nachts heimlich weint, weil sonst alle um sie herum auch nicht tapfer sein könnten. Tagsüber setzt sie sich für die anderen Tsunamiopfer ein und kocht für sie. Trotz ihrer Umstände war sie so freundlich und dankbar. Sie freute sich auch darüber, dass das Militär ihrer Notunterkunft nun ein japanisches Bad zur Verfügung gestellt hat, das sie zweimal täglich benutzt.

Drei Beispiele, die zeigen, wie lange es noch für viele dauern wird, diese Katastrophe zu verarbeiten.
C.R.A.S.H., die christliche Hilfsorganisation mit der wir als ÜMG zusammenarbeiten, bildet nun ebenfalls mehr und mehr ehrenamtliche Helfer als Seelsorger aus, die als Freiwillige Menschen helfen möchten, über dieses Trauma hinwegzukommen.

Bitte betet weiterhin für die Japaner!

Stromknappheit geht weiter

Hier in Japan erwartet man den Sommer mit gemischten Gefühlen. Denn nach wie vor sind viele Stromkraftwerke noch nicht am Netz. Deshalb wird es im heißen Sommer wahrscheinlich sehr schwierig werden, ein wenig Abkühlung zu bekommen. Millionen von Haushalten, Geschäften, Büros und Züge benutzen Klimaanlagen, um die feucht heißen Temperaturen (bis zu 38 C in Südjapan) erträglich zu machen. Bisher wurde oft stark heruntergekühlt und in den Büros weiterhin in Anzug und Krawatte gearbeitet. Dieses Jahr wird dies nun anders, denn wenn nicht gespart wird, müssen die Strombetreiber ganze Bezirke für einige Stunden täglich vom Netz nehmen.
In einer Broschüre von der Stromfirma hier im Norden, die wir gestern erhielten, fand ich folgende Übersichtskarte:

Die blauen Punkte sind zwei Atomkraftwerke, die zur Zeit still stehen. Auch die roten Kreuze stehen für Stromkraftwerke, die seit der Tsunami noch nicht ans Netz zurückkehren konnten. Erschwerend kommt hinzu, dass Japan eine Insel ist und somit nicht aus dem Ausland Strom importieren kann. Außerdem hat Westjapan eine andere Taktfrequenz (60 Hz) als Ostjapan (50 Hz), so dass der Ausgleich nicht innerhalb des Landes geschehen kann.
Ein heißer Sommer steht uns bevor. Wie gut, dass wir in einem sehr windigen Gebiet wohnen, indem wir bisher auch ohne Klimaanlage ausgekommen sind.

Montag, 25. April 2011

"Mama, wo bist Du?"

 Hunderte von Kindern haben ihre Eltern am 11. März aufgrund des Erdbeben und der Tsunami im Nordosten Japans verloren. Viele dieser Waisen schauen täglich aufs Meer hinaus und warten scheinbar darauf, dass sie wieder mit ihren Eltern zusammen kommen können. Manche von ihnen, lächeln mehr als üblich, als ob sie versuchen wollen die Einsamkeit zu vertreiben.
Manami ist ein Mädchen unter vielen, deren Eltern am 11. März starben oder vermisst sind. Sie war im Kindergarten, als das Erdbeben passierte. Ihre Mutter holte sie sofort ab und brachte sie nach Hause. Dieses war auf einer Anhöhe gebaut, direkt neben einer Grundschule, die als Platz ausgewiesen war zu dem Leute bei Tsunamiwarnungen fliehen können. Aber die Tsunami mit über 30 Metern Höhe überflutete mit einer Schlammlawine sogar diesen "sicheren" Ort. Manamis Eltern und ihre 2jährige Schwester wurden von der Welle mitgerissen. Nur Manami überlebte. Ihr Kindergartenrucksack hatte sich in einem Fischernetz verfangen, was ihre Rettung war. Aber erst eine Woche später fand sie ihre Großmutter in einer Notunterkunft. Sie war erschrocken, wie sehr ihre Enkeltochter gelitten hatte. "Sie schaute schweigend traurig vor sich hin. Ich dachte, sie hatte vergessen, wie man sprechen kann."
Zehn Tage nach der Flut, sagte Manami plötzlich, dass sie einen Brief an ihre Mami schreiben will. Sie öffnete ein Heft, suchte sich einen Buntstift aus und fing an in Hiragana, das sie erst kürzlich gelernt hatte, zu schreiben.
Über eine Stunde hinweg schrieb sie den folgenden Brief:

Liebe Mami,
Ich hoffe, Du lebst.
Geht es Dir gut?


Kurz darauf schlief sie ein. 

Die vierjährige Manami hat nach einer Weile wieder angefangen zu lächeln, aber sie möchte nicht in die Nähe ihres zerstörten Elternhauses gehen. Manchmal huscht ein Schatten des Schmerzes über ihr Gesicht. Ihre Großmutter möchte die Kleine zu sich nach Hause nehmen, aber diese weigert sich. "Ich warte hier, bis mich meine Mama abholt!", sagt sie. "Wird Papa bald anrufen?", fragt sie, während sie das eingeschaltete Handy ihres Vaters fest in ihren Händen hält.

(Quelle: Yomiuri News, http://www.yomiuri.co.jp/dy/national/T110331005873.htm)

Ostern in Japan

Auch dieses Jahr war von Ostern, wieder sehr wenig in Japan zu spüren. Karfreitag und Ostermontag sind hier normale Arbeitstage. Dieses Jahr war es noch schlimmer als die vorigen Jahre, da unser ältester Sohn sogar am Ostersonntag Schule hatte. Am Anfang des Schuljahres, das in Japan im April beginnt, gibt es für alle Schulkinder ärztliche Untersuchungen. Der Augenarzt, konnte auch dieses Jahr nur am Sonntag und so wurde der Dienstag mit dem Sonntag getauscht. Am heutigen Ostermontag war Besuchstag der Eltern in der Schule. Da das Wetter zudem sehr regnerisch war, fiel es uns dieses Jahr schwer so richtig in Osterstimmung zu kommen.
Trotzdem hatten wir letzten Freitag eine gut besuchte Osterjungschar, am Samstag haben wir als Familie etwas verfrüht die Auferstehung gefeiert und in der Gemeinde feierten wir Gottesdienst mit anschließendem Sobaessen (japanische Nudelsuppe). Deutsche Ostereier und Osterlämmer haben auch nicht gefehlt...
Die Auferstehungsbotschaft hatte dieses Jahr eine besondere Bedeutung mit fast 30.000 Japanern die durch die Tsunami im März ums Leben kamen, den vielen Nachbeben und dem extra Stress, den einzelne durch die Stromausfälle hatten. In die Angst dieser Welt sprach Jesus an Ostern "Friede sei mit Euch!" Dieser Friede gilt auch besonders seiner Gemeinde in Japan in diesen stürmischen Zeiten.

Dienstag, 19. April 2011

Zurück zum Alltag - aber doch nicht so leicht...

Letzten Donnerstag konnte ich meine Familie in Sapporo abholen. Dies war zwar der billigste Flug, den wir auf die schnelle vor fünf Wochen buchen konnten, ist aber für uns wirklich nicht der beste Flughafen, da sich die Reise dadurch nochmals um 10 Stunden verlängert hat (Autobahn und Fähre nach Aomori). Wir sind froh, dass die Trennungszeit vorbei ist, und wir wieder gemeinsam hier in Japan unterwegs sein können.
Die größte Hürde bei der Einreise und in den letzten Tagen waren Probleme mit Heikes Visum. Einige Tage vor dem Erdbeben hatten wir die Verlängerung unserer Visa beantragt. In die zweiwöchige Bearbeitungszeit fiel nun Heikes Rückreise, so dass ihr altes Visum in Deutschland auslief. Trotz einer Sonderregelung für diesen speziellen Fall, machte der Beamte am Flughafen viele Probleme. Heike bekam nur ein Besuchervisum, das wir am Montag wieder umschreiben lassen mussten. Heute waren wir einige Stunden auf der Stadtverwaltung, um wiederum eine neue Ausländerkarte zu beantragen, da diese ebenfalls einbehalten wurde.
Daneben galt es Aviel für die Schule vorzubereiten. Vor Montag musste er noch die Hausaufgaben der Frühlingsferien machen und etwas Lernstoff der ersten Woche nachholen. Auch gab es den üblichen japanischen Papierkrieg zum Schuljahresbeginn, bzw. Kindergartenbeginn zu erledigen. Die Kinder fühlen sich wieder wohl und freuen sich wieder, mit ihren japanischen Freunden zu spielen.
Die Schule hat uns auch sonst wieder im Griff. Am Ostersonntag hat Aviel einen normalen Schultag, da der Augenarzt kommt und dies nur Sonntags möglich ist. Am Ostermontag ist ein Besuchstag für die Eltern, an dem wir Aviel, in einer Stunde in seiner Klasse life erleben können. Allerdings wird die Zeit auch genutzt, die Eltern auf ihre Pflichten hinzuweisen, damit sich die Kinder richtig Verhalten und die maximale Leistung bringen.
Das aber doch noch nicht alles beim Alten ist, merkt man sehr bald. Der Ehemann unserer Klavierlehrerin hatte einen Monat keine Arbeit wegen dem Erdbeben. Im Supermarkt bleibt es herausfordernd Milch und Joghurt zu kaufen, da diese ausverkauft sind oder nur rationiert angeboten werden (1l pro Person). Das Reisen im Land bleibt schwierig, da der Schinkansen zwischen Aomori nach Tokyo noch nicht wieder eröffnet ist. Nächste Woche werde ich nun erstmals mit dem Nachtbus zu Sitzungen von OMF international reisen.

Auch im Land versucht man mit allen Kräften den Alltag wieder herzustellen. Dies ist jedoch oft sehr schwierig.
110 Schulen haben ihre Gebäude verloren und mussten in anderen Gebäuden unterkommen. Oft sind 60 Schüler in einem Klassenzimmer.
Fischer versuchen ihre Boote und Netze wieder flott zu bekommen, aber wie lange wird es dauern bis die Häfen wieder zu benutzen sind?
Nach fünf Wochen in Massenunterkünften sind viele Japaner in ihre Häuser zurückgekehrt, obwohl sie dort kein Strom und Wasser haben. Viele benutzen Stromgenerationen, die mit Benzin betrieben sind. Leider gab es in den letzten Tagen einige CO2-Vergiftungen, da Leute diese in ungelüfteten Räumen laufen ließen.
Die bevorstehende Regenzeit wird mit Sorgen erwartet. Vor dem Erdbeben gab es in Tohoku 31.000 Stellen, bei denen potentielle Erdrutsche möglich sind. Diese werden normalerweise nach jedem Erdbeben mit Stärke 5 oder höher kontrolliert. Mit den vielen Nachbeben und den dringenderen Problemen vor Augen, kann dies im Moment nicht geschehen. Gestern sind nach starken Regenfällen Häuser verschüttert worden, 5 Menschen starben.
Durch die Tsunami hat sich das Land an der Küste 70 cm gesenkt. Die Hochwassergefahr ist dort ebenfalls um ein vielfaches gestiegen.
Ein großes Anliegen bleibt, einfache Häuser zu errichten, damit Familien vorübergehend etwas Privatspähre haben. Dabei ist jedoch die Frage, wo man diese aufstellen kann. In der Ebene nahe am Meer ist Platz, aber die Tsunamigefahr bleibt dort weiterhin bestehen. Es sind Überlegungen da, ins Gebirge hinein zu gehen, aber das bedeutet natürlich einen enormen Aufwand, Plateaus zu erstellen und zugänglich zu machen.

Inmitten dieser Sorgen und Nöte feiern wir als Gemeinde diese Woche Ostern. Die Osterbotschaft wird dabei noch relevanter als zu vor. Denn Christus hat diese Welt überwunden. Er hat den Tod besiegt und lebt. Als Christen haben wir die Verheißung, dass er mit uns ist alle Tage bis ans Ende der Welt. Christus ist im Leid dabei. Er will helfen beim Wiederaufbau. Aber gleichzeitig hat er einen noch besseren Ort für alle Kinder seines Reiches vorbereitet. Wenn wir an ihn glauben, brauchen wir kein Visum, um dort hineinzukommen, sondern werden seine Kinder und bekommen das Bürgerrecht für den Himmel. Was für eine geniale Hoffnung!

Mittwoch, 13. April 2011

Die Lage entspannt sich - trotz Höchststufe 7

Die Meldung, dass das Reaktorunglück von der Atomsicherheitsbehörde nun mit der Stufe 7 bewertet ist, war ein großes Thema in den gestrigen jp. Nachrichten, da bisher nur Tschernobyl in diese Kategorie gefallen ist. Trotzdem heißt dies nicht, dass die Gefahr in den letzten Tagen gestiegen ist. Die Nachrichten der Deutschen Welle schreiben dazu: "Wie die Atomsicherheitsbehörde mitteilte, wird das Unglück auf der internationalen Bewertungsskala nunmehr auf der höchsten Stufe 7 eingeordnet - bislang galt noch Stufe 5. - Diese Kategorie bedeutet grundsätzlich, dass es Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen in einem weiten Umfeld gibt. Der Anlagenbetreiber Tepco erklärte indessen, es werde noch geprüft, wie viel Radioaktivität insgesamt austreten könne. Japanische Wissenschaftler wiesen darauf hin, dass die meiste Strahlung gleich zu Beginn der Krise ausgetreten sei. Die Hochstufung bedeute nicht, dass noch immer in hohem Maße Radioaktivität in die Umwelt entweiche." (Deutsche Welle Newsletter 12.4.2011; 18:15 UTC)
Insgesamt entspannt sich die Lage im Land wieder und viele "Ausländer" kommen zurück. Die Reisehinweise der deutschen Botschaft zeigen dies ebenfalls. Noch vor vier Wochen wurde vor Reisen nach ganz Ostjapan gewarnt, letzte Woche waren es die umliegenden Präfekturen um Fukushima und seit gestern warnt die Botschaft "nur noch" von Aufenthalten im Umkreis von 70 Kilometern (http://www.tokyo.diplo.de/). Die deutsche Schule Yokohama plant ab 18. April den Schulbetrieb wieder aufzunehmen, die Schulleitung ist dazu gestern nach Japan zurückgekehrt.
Viele internationale Schulen im Großraum Tokyo haben den Schulbetrieb normal weitergeführt, da das Risiko von anderen Botschaften geringer eingeschätzt wurde als von Deutschland.
Auch meine Familie wird wie geplant, heute nach Japan zurückreisen. Wir wohnen etwa 400 km von dem Reaktor entfernt, so dass wir uns keine Sorgen machen müssen.
Als OMF international (ÜMG) beschäftigt uns in den letzten Wochen weniger die Frage der eigenen Sicherheit, als die Frage, wie wir langfristig im Krisengebiet helfen können. Unser Felddirektor ist dazu gerade zwischen Fukushima und Iwate Präfektur unterwegs. In Zusammenarbeit mit den japanischen Gemeinden wollen wir verstärkt Jesu Hoffnung in dieses Gebiet bringen. Über die Organisation C.R.A.S.H., mit der ich in den letzten Wochen ebenfalls in Iwate zusammengearbeitet habe, werden in den nächsten Wochen weiterhin vor allem japanische Freiwillige mithelfen, die Not zu lindern. Die Hilfe sieht dabei von Stadt zu Stadt anders aus. In manchen Städten heißt es praktisch, Hand anzupacken, Häuser entrümpeln, Schlamm entsorgen und zu putzen. Andere Städte sind nach wie vor mit den vielen Menschen in den Notunterkünften überfordert und brauchen Unterstützung in der täglichen Versorgung von Tausenden von Menschen. Eine Stadt von 30.000 Einwohnern in Iwate muss täglich für 10.000 Menschen Mahlzeiten zur Verfügung stellen. Was für ein logistischer Aufwand ist dazu nötig.
Andere Städte kämpfen noch darum, den Schulbetrieb wieder aufzunehmen, so dass die Kinder wieder normale Strukturen haben und die Eltern mehr Zeit haben, sich dem Wiederaufbau zu widmen.

Sonntag, 10. April 2011

Weltkulturerbe Goishi bleibt von der Tsunami unberührt

Heute ist Sonntag. Deshalb habe ich, nachdem ich in der kleinen Baptistengemeinde gepredigt habe, etwas Abstand von der Zerstörung und dem Fischgestank (zwischen dem Müll sind auch viele verrottete Fische) gesucht. Geradeeinmal 15 km von Ofunato ist ein Naturschutzgebiet entlang der Küste mit steilen Kliffs und massiven Felsen im Wasser. Ich war gespannt, ob die Tsunami auch hier gewütet hatte. Auf dem Weg hierher sah ich die übliche Zerstörung, aber da das Gelände hier steil abfallend ist und sowieso fast nur aus Felsen besteht, ist es hier nach wie vor wie an einem Urlaubsort. Seit Erschaffung der Welt haben diese Felsen wohl schon manche größere Welle über sich schwappen gesehen. Wie recht hat doch die Bibel, die den Menschen als vergänglich beschreibt. Wie schnell sind doch alle unsere großartigen Leistungen vernichtet. Wie schnell ist unser Leben vorbei und wir werden vergessen. Ganz anders unser ewiger Vater, dessen Werke bestand haben und selbts wenn diese Erde vergeht, bleibt ER für immer.
Im Gottesdienst heute morgen waren drei Frauen von vier Gemeindegliedern. In dieser Stadt mit 40.000 Einwohnern gibt es noch eine kleine andere evangelische Gemeinde und eine griechisch-orthodoxe Gemeinde. Ob es wohl auf 1.000 Einwohner einen Christen gibt? Ich glaube es kaum. Durch die Tsunami kommen gerade viele Christen aus ganz Japan, um zu helfen. Iwate ist bisher die Präfektur mit den wenigsten Gemeinden im Verhältnis auf die Einwohner. Außerdem arbeitete bisher kein einziger Missionar in diesem Gebiet. Ob die Hilfsbereitschaft langfristig anhalten wird? Betet mit, dass in den nächsten Jahren hier Gemeinden entstehen können.
Herzliche Grüße aus Iwate!
Armin

PS: Entschuldigt bitte die vielen Rechtschreibfehler der letzten Einträge. Mit dem kleinen Bildschirm des Iphones kann ich kaum sehen, was ich schreibe...

Freitag, 8. April 2011

erneutes starkes Erdbeben und Tsunamiwarnung

Heute Nacht kurz vor Mitternacht wurden wir durch ein Schütteln geweckt. Ein Erdbeben mit der Stärke 7.4 erschütterte erneut die Tohoku Region. Da wir in dem Gebiet sind, das vor wenigen Wochen überschwemmt wurde. Galt es schnell zu handeln. Zuvor jedoch mussten wir abwarten, bis das Beben sich etwas beruhigte. In dieser Stärke hatte ich bisher keins erlebt. Man hörte richtig die Erde brummeln. John und ich schnappten schell ein paar Sachen die greifbar waren, zogen uns an und los ging es, raus aus dem tiefer gelgenen Teil der Stadt so lange es noch mit dem Auto möglich war. Nach 10 Minuten Fahrt waren wir bereits im Bergland. Da wir jedoch nicht wussten, wie lange die Tsunamiwarnung anhielt entschlossen wir, dass wir die 60 Minuten nach Tono fahren, wo ein "Base Camp" von Crash ist. Dort konntenn wir dann übernachten. Als Vorsichtsmassnahme sind wieder die Atomkraftwerke in der Region abgestellt und so ist der ganze Norden wieder einmal ohne Strom. In der Gemeinde hatten wir somit knapp 12 Stunden verfügbare Elektrizität und müssen heute wohl wieder den Generator anschmeißen.

Donnerstag, 7. April 2011

Ein Nacht wie in einer Notunterkunft

Seit Dienstagabend bin ich wieder in der Präfektur Iwate. Diesmal für eine Woche bevor meine Familie nach Japan zurück kommt. Die erste Nacht war spannend, da wir in der Baptistengemeinde in Ofunato campiert haben. Es fehlen nach wie vor die Innenwände und bis heute gab es auch kein Strom. Dazu kam, dass ein Fenster noch kaputt ist, so dass die Nacht eine kalte Angelegenheit wurde. Bereits um 19.00 Uhr war es auf 5 C abgekühlt. Ein Mitmissionar schnarchte die Nacht hindurch, so dass es nicht sehr erholsam war. Diese Situation hat mich etwas besser mit den vielen Menschen in der Gegend, die in Notunterkünften untergekommen sind, mitfühlen lassen. Schon seit mehr als drei Wochen haben sie keine Privatsphäre mehr. Die Dinge, die am meisten gesucht werden, sind neue Unterwäsche und Hilfsmittel, um Wäsche zu waschen. In einem Ort wurden alle kleinen Massenquartiere zur besseren Versorgung in zwei Große zusammengelegt. 400 durften ins Hotel, 300 schlafen zusammen in einer Turnhalle.
In den Tagen vor Ostern, erinnert mich dies daran, dass Jesus auch mit diesen Menschen mitleiden kann, da er selbst aller Privatsphäre beraubt wurde und nackt am Kreuz gedemütigt wurde. Er weiss, was es heißt auf der Flucht zu sein und nur temporär unterzukommen ("...der Menschensohn hat nichts, da er sein Haupt niederlegen kann!"
Gestern durfte ich erleben, dass Gott selbst kleine Dinge zu seiner Ehre nutzen kann. Der Besitzer der Englischschule, bei denen ich letzte Wocehe 3 Stunden mitgeholfen habe, hat uns ein kleines Apartment zum Übernachten angeboten. So war diese Nacht wesentlich besser. Voraussichtlich können wir diesen Ort auch in den nächsten Monaten für freiwillige Helfer nutzen.
Ein Gebetsanliegen bleibt es, dass weitere Zentren für CRASH eröffnet werden können, von denen aus die vielen registrierten freiwilligen Helfer eingesetzt werden können. Auch als ÜMG (OMF Japan) sind wir am Fragen, wie wir in den nächsten Monaten vermehrt in dieser Region weiterarbeiten können. Da wir schon lange Pläne haben zwischen Sendai und Aomori eine weitere Arbeit zu beginnen, wäre es nun eine gute Gelegenheit. Allerdings bleibt die große Frage: "Wen können wir senden?"
(über Iphone gepostet von Ofunato/Iwate)

Sonntag, 3. April 2011

Perspektive aus Kanto

Am Freitag konnte ich nochmals in der Gemeinde in Ofunato etwas weiterarbeiten. Danach fuhr ich mit Martins Lastwagen nach Hause, was dann doch fast 6 Stunden dauerte.
Gestern kam ich nach Kanto, um in einer Gemeinde in Yokohama zu predigen. Die drei Tage stellen sich nun doch intensiver heraus, als ich dachte. Heute war ich nach dem Gottesdienst noch beim ersten Gottesdienst einer Gemeindeneugründung dabei. Diese wird als Tochtergemeinde von einer großen Gemeinde in Yokohama im Tsuzuki Stadtbezirk gestartet. Es war sehr ermutigend zu sehen, wie viele Gemeindeglieder diesen Start unterstützen möchten und die Leidenschaft des japanischen Gemeindegründers zu sehen. Möge Gott seine Arbeit segnen. Morgen ist ein OMF Gebetstag, ein Kurzseminar und eine außerordentliche Sitzung des OMF Komitees Honshu. Möge Gott Weisheit geben wie wir in diesen nächsten Monate unsere Kraft bündeln können, und in den betroffenen Gebieten praktisch mithelfen können. 
Hier in der Tokyo Gegend wird wie in ganz Ostjapan (Westjapan ist anders da der Strom dort 60 Hz hat und somit nicht hierher importiert werden kann.) Strom gespart. Reklameschilder sind nicht mehr beleuchtet, Geschäfte nutzen weniger Lampen, viele Rolltreppen stehen still und die Züge fahren nicht mehr so regelmäßig. Auch gibt es an den Werktagen geplante Zeiten, in denen der Strom für einige Stunden abgestellt wird. 
Vorhin gab es wieder eine Erdbebenwarnung, und so standen die Züge für einige Minuten still bis das Beben vorbei war. Sehr ungewöhnlich, da die Züge hier so gut wie nie Verspätung haben. 
Gerade fahre ich am neuen Sky-Tree vorbei, ein Fernsehturm, der nun schon über 600 Meter gewachsen ist. Hoffentlich überschätzen sich die Erbauer bei diesem Projekt nicht ebenfalls, wie sie es bei der Sicherheit der Atomkrafwerke, der Tsunami-Schutzmauern, usw. getan haben. In Tokio wird ebenfalls ein großes Erdbeben in den nächsten Jahren erwartet, da sich die Spannung der Erdplatten etwa alle 60 Jahre durch ein großes Erdbeben löst. 
In der Gemeinde ging es etwas um die Frage, wie sich die Leute mit der drohenden Gefahr von Fukushima fühlen. Erstaunlicherweise waren die meisten recht ruhig. Eine Sorge einer Kindergärtnerin war, dass langsam das Milchpulver für Babies knapp wird und man mit dem Wasser etwas aufpassen muss. Ein anderer hatte den Eindruck, dass ja Yokohama doch noch etwas weiter entfernt ist als Tokio. Wieder ein anderer sagte, dass Japan die Atomkraft braucht, da sie ja keine natürlichen Ressourcen zur Stromerzeugung haben. Generell nimmt man die mögliche Verstrahlung und ihre Folgen eher in Kauf, ist aber nicht panisch wie in vielen Ländern, die gar nicht betroffen sind. Einige kennen jedoch auch Bekannte, die ihre Kinder zu den Großeltern nach Westjapan für die Frühlingsferien geschickt haben. 

Donnerstag, 31. März 2011

Toiletten - mein Tageswerk

CRASH konnte ein Haus in Iwate mieten, dass etwa eine Stunde von verschiedenen Orten ist, an denen Leute als freiwillige Helfer mitarbeiten. Letzte Nacht schliefen in den drei kleinen Zimmern 15 Leute und dementsprechend unruhig war die Nacht. Direkt auf dem Tatami ohne Futon schläft es sich auch etwas hart...
Aber es ist toll zu sehen, wie sich sowohl Japaner als auch Ausländer im Land einsetzen, um die Not zu lindern. Einige sind extra wegen der Katastrophe aus Amerika eingeflogen, um den Japanern beizustehen.
Katastrophenhilfe geschieht normalerweise in drei Schritten, den drei "Rs". Rescue (Rettung), relief (Hilfe, Linderung), rebuild (Wiederaufbau). Es ist erstaunlich, wie gut die Japaner auf diese Dinge vorbereitet sind. Es mag noch nicht überall klappen, aber besonders in den Regionen, in denen die Stadtverwaltung noch existiert, ist in den letzten drei Wochen schon unheimlich viel passiert. Das Militär hat die Rettungsarbeiten beendet und vielerorts wird schon Schutt weggebaggert. Viele haben die Notunterkünfte verlassen und es wurden temporäre Wohnungen gebaut, in die ab nächste Woche, die ersten Umsiedeln können. Die meisten Städte haben Programme für freiwillige Helfer, bei denen man sich morgens meldet und dann eingeteilt wird, Privatleuten zu helfen oder öffentliche Einrichtungen wieder zum Laufen zu bringen.
Heute Morgen ging es auch für uns wieder zur kleinen Baptistengemeinde. Einige Japaner aus Nagano (13 Stunden Autofahrt nach Süden) waren ebenfalls dort im Einsatz. Zusammen mit einigen fingen wir an, den Müll im Park zusammen zu suchen. Neben allem möglichen Plastik lag auch eine Holzhütte, eine Heizölabfüllanlage von einem Baumarkt, ein paar Metallhütten und ein Kerosintank herum. Ein Nachbar hat ein Loch in der Hauswand, da ein Auto während der Tsunami hineingerammt war. Den Müll schichtet man einfach entlang der Strasse auf. Dort wird er dann nach und nach abgeholt.
Für die Toilette musste man bisher mit dem Auto zur nächsten öffentlichen Toilette fahren. Die Toilette im Park schien jedoch noch recht gut in Takt, und so machte ich mich ans Werk sie wieder in Gang zu bringen. In einer Putzkammer fand ich Putzwerkzeuge und so konnte es losgehen. Zuerst musste der Schlamm raus (etwa 4 Schubkarren voll) und dann galt es mit dem Putzeimer alles abzuduschen und zu reinigen. Mit dem war ich dann die nächsten vier Stunden beschäftigt. Alles musste mühsam entschlammt werden (Spülkasten, Toilettenbecken, Pisoir, Wickeltisch, usw.) Am Ende war es dann geschafft und so hilft es nun nicht nur den Anwohnern sondern auch den Teams, die hier durchkommen.
In der Zwischenzeit hatte mein Kollege John die Toilette in der Gemeinde installiert (na ja doppelt hält besser). Allerdings fehlte es noch etwas an Privatsphäre, denn die Toilette hatte keine Wände mehr. So war ich die nächsten zwei Stunden beschäftigt, Rigipsplatten zuzuschneiden und anzubringen. Gott hat Gnade geschenkt, und so hat es heute einmal ohne große Probleme gepasst, obwohl ein paar schwierige Ecken an den Fenstern dabei waren.

Mittwoch, 30. März 2011

mittendrin

Mit meinem Kollegen John, der ebenfalls in Aomori arbeitet, ging es heute morgen früh los vom CRASH-Centre in Tono zu einem erneuten Einsatz nach Ofunato. Dort angekommen konnten wir etwas weiter am Gemeindehaus der Baptistengemeinde arbeiten. Doch nach zwei Stunden habe ich mich wieder in der Nachbarschaft umgeschaut, um dort zu helfen. Ein Gemeindeglied stellte mich wieder einem Nachbarn vor, so dass ich dort mitarbeiten konnte. Lastwagen vom Schlamm befreien, und zwar nicht nur von außen sondern auch von innen! Die Tsunami reichte bis unters Dach der Halle und das komplette Führerhaus der zwei LKWs war verschlammt. So spritzte ich hunderte von Liter Wasser in das Führerhaus um die Schlammschicht heraus zu bekommen. Zum Glück sind es ältere Modelle, die kaum elektronische Bausteine enthalten, so dass es noch Hoffnung gibt, sie zu reparieren. Am Nachmittag fuhr ich mit Martin in die Nachbarstadt Rikuzentakata. Das Ausmass der Zerstörung war unglaublich. Die Stadt hatte gerade erst letztes Jahr einer der besten Tsunami-Schutzwälle weltweit fertiggestellt. Leider reichte er nicht aus. Die 33.000 Einwohner Stadt war bis zu den Bergen hin komplett zerstört. Die Tsunami war so hoch, dass selbst der dritte Stock eines Hauses noch zerstört wurde.




Kilometerweit ein großes Geröllfeld, wie nach einem Bombenangriff. Wir hatten Informationen, dass es dort eine kleine Kirche gegeben hatte und waren auf der Suche, ob diese überlebt hat. Als wir nach der Adresse fragten, machte uns die Frau wenig Hoffnung, dass das Gebäude überlebt hätte. So fuhren wir durch die Schuttwüste, in der das Militär einige Straßen geräumt hatte, in der Hoffnung noch etwas anzutreffen. Die letzten Meter zu einem Hügel liefen wir zu Fuß, vor uns nur ein paar wenige Häuser, die hoch genug am Hang gebaut waren, um zu überleben. Ob gerade da die Kirche dabei sein wird. Doch tatsächlich, hat Gott das Gebäude bewahrt. Das Wasser stoppte am Parkplatz und schwemmte gerade noch ein Auto an, aber die Gemeinde hat nichts abbekommen. 
Dann trafen wir das Pastorenehepaar. Ein weiteres Beispiel von den Helden Japans. Beide schon längst im Pensionsalter begrüssten uns herzlich. Man konnte ihnen die leidvollen letzten Wochen abspüren, aber auch die Dankbarkeit und Freude, dass Gott sie bewahrt hat. Als die Tsunami kam flohen sie auf einen Berg und beteten, dass Gott ihre Gemeinde schützen solle. "Herr, stopp die Welle, wir müssen doch diesen Menschen, von Dir weitersagen!" Und Gott hat erhört. Obwohl sie kein Wasser, Strom, Toilette und Gas benutzen können, sind sie nach wenigen Tagen in das Haus zurück gekehrt, um den Menschen zu helfen, die dort um Hilfe fragen. Sie haben ein paar Lebensmittel von Freunden bekommen und verteilen diese an Bekannte und Nachbarn. Inmitten der Verwüstung, um sie herum, sorgen sie sich um andere. Und die Menschen um sie herum merken in dieser Not den Unterschied zwischen Buddhismus, der jeden einzelnen seinem Karma überlässt (zumindest von Seite der Tempel) und dem christlichen Glauben, der Menschen zur Fürsorge zueinander aufruft. 
Was mich heute fast zu Tränen berührt hat, war nicht etwa der Ausmass der Verwüstung, sondern die Erinnerung an Einzelschicksale. Der Pastor erzählte von einem Freund, der einen Kindergarten leitete. Auf der Flucht vor der Welle, mussten sie den Kindern vorauslaufen, damit diese ihnen folgen konnten. Sie ermahnten immer wieder nicht zurück zu schauen, sondern zu laufen, so schnell sie konnten. Leider sind einige der Kinder doch von der Aufregung  abgelenkt worden und haben es nicht mehr geschafft... 

Gott sei Dank, haben es die Kinder der Grundschule alle geschafft.
Wenn man die Verwüstung sieht, bleibt es ein Wunder, dass trotz allem nur 2.000 Leute und nicht 20.000 verunglückten.

Dienstag, 29. März 2011

relief work in Iwate - Schlamm

Seit heute ist es mir nun endlich möglich, in den von der Tsunami betroffenen Gebieten mitzuhelfen. Um 5.00 Uhr ging es los. Mit meinem Kollegen Martin sind wir zuerst zu amerikanischen Freunden nach Misawa gefahren. Diese Familie hat für die betroffenen Familien den halben Supermarkt leergekauft und gespendet. Unser Kleinbus war dann komplett voll. Von dort aus waren es nochmals 5 Stunden bis wir in Ofunato ankamen. Dort gibt es eine kleine Baptistengemeinde mit nur wenigen Mitgliedern. Nachdem die Tsunami im Gemeindehaus gewütet hatte, dachten die Christen, dass dies nun das Ende der Gemeinde ist. Das Wasser stand bis zu 2m im Gemeindehaus und hat viel Schlamm mit hineingespült. Das Gebäude war nach 12 Jahren gerade erst zurück bezahlt. In diese Situation hat Gott letzte Woche das erste OMF Team geleitet. Sie konnten in wenigen Tagen, die Gemeinde reinigen, die Rigipsplatten entfernen und heute konnten schon die neuen Fensterscheiben eingesetzt werden. Durch diesen Einsatz konnte nicht nur der Gemeinde Hoffnung gemacht werden, sondern über die Gemeinde, ist es nun auch möglich anderen zu helfen.
Eine Christin stellte mich Nachbarn als freiwilligen Helfer vor. Diese waren zuerst ablehnend, aber als sie hörten, dass wir Kontakte zur Gemeinde haben, war es kein Problem. So konnte ich einige Stunden mithelfen, eine Englischschule auszumisten, am wahrsten Sinn des Wortes. Die Gummistiefel sind fast im 5-10 cm Schlamm stecken geblieben. Vor den Häusern türmen sich Müllberge und wir haben auch fleißig dazu geworfen. Mülltrennung ist aufgehoben und sie fliegen Fernseher, Schreibtische, Türen, Bücher, Schlamm, usw. auf den gleichen Berg. Je näher man zum Meer geht, um so mehr sieht man die Kraft der Welle. Ein Auto liegt auf dem Balkon eines Hauses, ein Betonmischer ist in den Vorgarten eines Hauses geschwemmt, Häuser sind bis oben voll mit Treibhaus und anderem Müll. In den vergangenen zwei Wochen haben schon viele mit den Aufräumarbeiten begonnen, und so kann man sich nur ausmalen, wie es wirklich direkt nach der Flut aussah.
Das krasse ist wirklich, dass das Leben auf der einen Seite ganz normal weiter gehen, während auf der anderen Seite, Leute alles verloren haben. Schulkinder spielen zusammen auf der Strasse oder helfen praktisch mit und die einen gehen nach Hause und die anderen gehen in die Notunterkünfte, da die Eltern alles verloren haben. Während die einen Arbeiten gehen, kratzen andere den Schlamm aus ihren Häusern und werfen ihre Sachen auf den Müll.
Wenn in der gleichen Stadt die einen Abends baden, haben die anderen nicht mal Wechselkleider und manche versuchen tagsüber im Fluss die einzigen Kleider die ihnen noch geblieben sind, zu waschen, wie uns weitergegeben wurde.
Die Lebensmittel haben wir nicht direkt verteilt, sondern konnten sie zu einer Verteilstelle bringen, von der sie weitergeleitet werden. Insgesamt hat sich die Lage schon sehr verbessert und die Versorgung mit Benzin, etc. ist besser geworden. Für die Leute deren Häuser komplett zerstört wurden, bleibt es ein langer Weg zum normalen Leben zurück zu kehren. Die Häuser, die stehen geblieben sind, haben viele Schäden, aber es gibt auch Hoffnung, sie wieder aufzubauen.

Montag, 28. März 2011

Die dreifache Katastrophe in Japan - Gericht Gottes?

In verschiedenen christlichen Kreisen in Deutschland versucht man, die Ereignisse hier in Japan endzeitlich zu deuten. Es werden Ursachen für das Gericht Gottes an Japan gesucht, und manche kommen zu dem Ergebnis, dass der Grund in der Götzenverehrung, im zweiten Weltkrieg oder in der japanischen Sexindustrie liegt.
Mit solchen Spekulationen gilt es sehr vorsichtig zu sein! Jesus selbst nahm Bezug auf zwei aktuelle Situationen als er über das Gericht Gottes lehrte. Dabei stellt er aber nicht die Leute als Beispiel von Gottlosigkeit dar, sondern warnt uns, für unsere eigene Schuld Buße zu tun. "Meint ihr, diese Galiläer (die von Pilatus ermordet wurden) seien größere Sünder gewesen als andere Menschen in Galiläa?", fragte Jesus. "Glaubt ihr, dass sie deshalb leiden mussten? Ganz und gar nicht! Ihr werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht von euren bösen Wegen abkehrt und euch Gott zuwendet. Und was ist mit den achtzehn Männern, die starben, als der Turm von Siloah auf sie herabstürzte? Waren sie etwa die größten Sünder in Jerusalem? Nein. Ich sage euch noch einmal: Wenn ihr nicht Reue zeigt und auf eurem Weg umkehrt, werdet ihr genauso umkommen."
Übrigens sind die meisten Gerichtsankündigungen in der Bibel im Bezug auf sein Volk. Also wir, die wir die Gnade vom Kreuz kennen, müssen aufpassen, dass es nicht zur billigen Gnade wird, dass wir das leben, was wir glauben, den Waisen und Witwen beistehen und barmherzig sind mit den Menschen, um uns herum. Also die einzige Frage, die aus dieser Katastrophe herausgeht ist, wie es mit mir steht. Bin ich vorbereitet auf den Tod? Habe ich Frieden mit Gott?
In diesen Tagen gilt es nicht, mit dem Finger auf Japan zu zeigen, sondern wie Jesus als Mensch an unsere Seite gekommen ist, sollen auch wir bereit sein, an die Seite von notleidenden Menschen zu treten. In einer Schule mit 110 Kindern, sind die Hälfte der Kinder umgekommen oder vermisst. Die Eltern suchen nun vergeblich Trost, in dem sie nach Schultaschen oder sonstigen Andenken suchen. Als Christen heißt es für uns, mit den trauernden zu trauern und mit den weinenden zu weinen.

Update

Die aktuelle Gebetsliste von der Hilfsorganisation CRASH gibt es nun auch auf Deutsch! http://www.crashjapan.com/crashjapan/viewtopic.php?f=7&t=322&p=752
Bitte druckt Sie aus und benutzt sie in den Gemeinden zur konkreten Fürbitte.

Es bleibt schwierig die wirkliche Gefahr von Fukushima einzuschätzen. Einerseits gibt es zu viele Spekulationen und zu wenige Fakten, was wirklich in den Reaktoren passiert, andererseits sind die sogenannten wissenschaftlichen Untersuchungen über die Gesundheitsrisiken von erhöhter Strahlung sehr widersprüchlich. Ein Lehrer von mir sagte einmal, "Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe." Wenn man z.B. herausfinden möchte, wie viele Menschen aufgrund der Tschernobyl Katastrophe gestorben sind, findet man wissenschaftliche Untersuchungen, die von 50 Menschen ausgehen und andere, die Belege haben, dass es Millionen waren. Das hat leider wenig mit Wissenschaft, sondern viel mit Politik zu tun... Für uns als Mitarbeiter in Japan stellt sich nun die Frage, die Kollegen in anderen asiatischen Ländern wie Kambodscha, Vietnam oder China sich täglich stellen müssen: "Wie viele gesundheitlichen Risiken kann ich für meinen Auftrag, mir und meiner Familie zumuten?" Ich denke nach wie vor, dass die gesundheitlichen Risiken durch Dengue Fieber, Malaria, AIDS, Bandwürmer, usw. für viele Missionare wesentlich höher sind als für uns, atomar verstrahlt zu werden. Trotzdem werden die nächsten Wochen schwierig, diese Fragen als Ehepaar durch zu sprechen und klären, und dann so zu kommunizieren, dass es auch die weitere Familie und die sendenden Gemeinden in Deutschland verstehen können.

Das Webtagebuch von dem japanischen Pastor der Fukushima Baptistengemeinde, von dem ich in einem früheren Post geschrieben habe, wurde von einigen Mitarbeitern unserer Mission ins Englische übersetzt: original in English   dt. Übersetzung mit google Übersetzer (sehr holprige Übersetzung, aber man versteht das Wesentliche).
Wenn Ihr etwas Zeit habt, ist es wirklich sehr eindrücklich zu lesen. 60 der 180 Gemeindeglieder sind jetzt gemeinsam in die Nachbarpräfektur Yamagata gegangen. Ob sie jemals wieder in ihrer Gemeinde Gottesdienst feiern können? Wie sieht wohl die Zukunft dieser Stadt aus?

Ich konnte letzte Woche im ersten Stock unserer kleinen Gemeinde eine Küche in den vorherigen Wäscheraum einbauen. Somit ist die "Predigerswohnung" wieder voll nutzbar (letzten November hatten wir die Küche der Wohnung im Erdgeschoss zur Gemeindeküche umfunktioniert). Wir haben uns gemeldet, Unterkünfte für Menschen zu stellen, die alles verloren haben. Bisher kam noch keine Anfrage, aber die Räume sind nun soweit bereit, so dass sechs bis acht Leute kommen könnten.

Von Morgen bis Freitag werde ich in Iwate sein und in den betroffenen Gebieten mithelfen. Voraussichtlich werden wir den Gottesdienstraum einer Kirche renovieren und sonst mithelfen, wo Not am Mann ist. Heute sind auch einige japanische Pastoren unserer Region aufgebrochen, die Situation vor Ort zu sehen. Möge es Gott schenken, dass sich die Christen hier in Aomori auch einklinken.

Freitag, 25. März 2011

SMAP: "Wir glauben an die Kraft Japans!"

Gerade sah ich eine neue Fernsehwerbung mit den Sängern der berühmten japanischen Popband SMAP. Sie wollen den Menschen hier wieder neuen Mut machen. Ihre Botschaft: "Wir glauben an die Kraft Japans. Japan ist ein starkes Land, und wir werden es schaffen!"
Diese Worte erinnern mich an ein Email von einem Kollegen, der das Erdbeben und die Tsunami in Sendai nahe am Meer erlebt hatte. In den darauffolgenden Tagen war er oft im Einsatz, Leuten zu helfen, Wasser von der Ausgabestelle mit dem Auto nach Hause zu fahren. Er hatte unzählige Möglichkeiten, Gottes Liebe den Menschen praktisch zu zeigen und mit ihnen über das Erlebte und Gott zu sprechen. Am Ende seines Berichtes schrieb er: "Trotzdem lasst uns nicht vergessen, dass die Japaner mehr als alles, die Gute Nachricht von Jesus Christus brauchen."
Selbst in dieser großen Not, der größten Katastrophe seit dem 2. Weltkrieg, sieht man bisher wenig davon, dass Menschen anfangen Gott zu suchen. Vielmehr orientiert man sich an den traditionellen Tugenden, mit Fleiß und Selbstdisziplin alles überwinden zu können. Dieser Stolz führte in den letzten Wochen dazu, dass Rettungsteams und Hilfe aus dem Ausland ineffektiv genutzt wurden und manche Helfer frühzeitig nach Hause zurückgekehrt sind. Er ist ein Grund dafür, dass beim Reaktorunglück, immer noch nicht alle möglichen weltweiten Ressourcen zur Lösung herbeigezogen werden. Dieser Stolz steht letztlich im Weg, die Hilfe Gottes - sein eigener Sohn Jesus Christus - anzunehmen. Auch ich denke, dass Japan stark ist und die Menschen leidensfähig und -willig sind, mehr als die meisten Völker dieser Welt. Und trotzdem ist es Dummheit in dieser Situation, nicht die Hilfe unseres Schöpfers zu erfragen und ihn zu suchen.

Nach der Tsunami - Was heisst das für uns Christen?

Ich habe gerade zur Predigtvorbereitung eine Broschüre von einem Theologen aus Sri Lanka gelesen. Er hat seine Erfahrungen der Tsunami, die an Weihnachten 2004 über Sri Lanka eingebrochen ist, biblisch reflektiert und niedergeschrieben. Er fordert uns Christen auf, - in Zeiten der nationalen Krise - biblisch zu handeln. Das Inhaltsverzeichnis, das an Prediger 3,4 angelehnt ist, ist schon eine Predigt für sich:
1. Trauern hat seine Zeit
2. Die Warum-Frage stellen hat seine Zeit
3. Arbeiten hat seine Zeit
4. Beten hat seine Zeit
5. Geben hat seine Zeit
6. Planen hat seine Zeit
7. Vorsichtig sein hat seine Zeit
8. Von Gott Trost empfangen hat seine Zeit und andere trösten hat seine Zeit

Besonders das erste Kapitel fand ich sehr eindrücklich. Er weist darauf hin, dass das Alte Testament voller Abschnitte ist, in denen Menschen über ihr persönliches Leid, aber auch über das Leid, das über das Land hereingebrochen ist, trauern, weinen und klagen. Auch wir, als Christen in Japan, dürfen und sollen über das Leid trauern und mit den Weinenden weinen. Die Liebenzeller Mission hat z.B. zum Zeichen der Solidarität und Trauer mit Japan eine japanische Flagge auf Halbmast gehisst.
Wenn wir als Christen seufzen und vielleicht sogar Gott anklagen, dürfen wir trotzdem wissen, dass er nicht fern ist, sondern mit uns mit leidet uns unsere Anliegen zum Gebet formuliert. ("Der Heilige Geist hilft uns in unserer Schwäche. Denn wir wissen ja nicht einmal, worum oder wie wir beten sollen. Doch der Heilige Geist betet für uns mit einem Seufzen, das sich nicht in Worte fassen lässt." Röm 8,26). Gott wird uns neu stärken, ihm vertrauen zu können, dass er alles in der Hand hält, und er wird uns auch die Kraft geben, an die Arbeit zu gehen.

Die 26-seitige Broschüre auf Englisch (in etwas angepasster Form) kann man unter dem folgenden Link kostenlos herunterladen:
http://www.rbc.org/uploadedfiles/Bible_Study/Discovery_Series/PDF/After_the_Hurricane.pdf

Donnerstag, 24. März 2011

Dann kam alles anders...

"Woher wollt ihr wissen, was morgen sein wird? Euer Leben gleicht doch dem Nebel am Morgen - schon nach kurzer Zeit ist er wieder verschwunden." Jakobus 4,14
Wie selten zu vor hatten wir bereits im Januar das ganze Jahr vor Augen mit vielen Terminen, Familienbesuche, OMF Termine in Kanto, Konferenzen, Weiterbildungen bis hin zu unserem Heimataufenthalt im April 2012.
Fest vorgenommen hatten wir uns, in Aviels Frühlingsferien zu Hause etwas auszuruhen und im April die Dinge morgens etwas langsam angehen zu lassen, wenn Josia in den Kindergarten kommt. Aber dann kam alles anders...
Heute ist Aviels Geburtstag. Das Fahrrad konnte ich bereits vor einigen Wochen besorgen, und auch ein Packet mit Geschenken aus Deutschland ist angekommen. Darin war auch Deko für den Geburtstagskuchen. Wer nun fehlt ist das Geburtstagskind. Gut, dass sie alle heute in Deutschland feiern und Aviel den Tag mit seinem Patenonkel und Verwandten verbringen kann. Zum Fahrradfahren wäre er heute, hier im Schnee auch nicht gekommen.

Das Planen fällt mir trotzdem schwer in diesen Tagen. Viele Termine sind wieder sehr relativ geworden. Viele Entschlüsse haben wieder ein Fragezeichen bekommen.

CRASH-Hilfe wird konkret

Nachdem letzte Woche in der Nähe von Sendai eine Basisstation von CRASH - dem christlichen Hilfswerk, mit dem die evangelische Allianz hier in Japan zusammenarbeitet - aufgebaut wurde, ist es meinen Kollegen Martin Ghent und John Elliot gelungen auch weiter nördlich in der Präfektur Iwate ein Haus zu mieten, von dem aus Hilfseinsätze getan werden können. Das erste Team mit acht OMFern von Hokkaido ist angekommen und hat Möglichkeiten gefunden, in Zusammenarbeit mit einer Gemeinde in einer "Suppenküche" mitzuhelfen. OMF hat sich verpflichtet für mindestens sechs Monate, regelmäßig Teams dort hinzuschicken. Als Mission ist uns die Region zwischen Aomori und Sendai schon lange ein Anliegen, aber Versuche eine Arbeit dort aufzubauen haben sich aus verschiedenen Gründen immer wieder verzögert. Nun hat uns Gott geradezu hineingestoßen.
John Elliot berichtet von der Stadt Ohzushi, die vor der Tsunami 16.000 Einwohner hatte. Nach dem Beben hat die Stadtverwaltung eine Notversammlung einberufen. Doch dann kam die Welle. Alle Leiter der Stadt sind tot, 10.000 Menschen werden vermisst, alle Akten zerstört. Die Stadt lag die ersten Tage völlig lahm und konnte nicht einmal richtig Hilfe anfordern.
Ein ausführlicher Bericht über die Lage vor Ort hat unser Feldleiter Wolfgang Langhans hier übersetzt oder kann man direkt im Englischen hier nachlesen.


Neben den verheerenden Verwüstungen im nordöstlichen Japan, sind auch weite Teile des Landes mit "normalen" Schäden betroffen. Das Beben und die vielen Nachbeben haben viele Fundamente untergraben und Straßen, Wege und Häuser verschoben. Häuser haben sich gesenkt, Gas-, Wasser- und Abwasserleitungen wurden dabei teilweise zerstört. Im Großraum Tokyo nahe des Disneylandes sind 4.000 Haushalte ohne Wasser und Gas, 13.000 können ihre Toiletten nicht mehr benutzten. Die Bevölkerung kann nun für wenig Geld in den Disneyhotels die öffentlichen Bäder (Onzen) benutzen.


Seit die ersten radioaktiven Strahlungen in Wasser, Milch und Gemüse gefunden wurde, hört man sehr wenig vom Atomkraftwerk. Selbst bei Verzehr sind die Werte für Erwachsene noch nicht gesundheitsschädlich, aber für Babys, stillende Mütter und Schwangere gilt es vorsichtig zu sein. Die Bauern in den Präfekturen Fukushima, Ibaraki und Gunma müssen Tonnen von Lebensmittel und Milch wegwerfen und selbst die Produkte, die strahlenfrei sind werden ihnen von den Händlern nicht mehr abgekauft.
Heute Morgen musste ich aus dem Nachrichtenemail der deutschen Welle erfahren, dass der Kampf, die Kernschmelze zu verhindern, ein großer Rückschlag hatte. (In den japanischen Nachrichten, war dies keine Meldung wert...) Wegen der hohen Radioaktivität musste das AKW vorerst evakuiert werden. Die effektivste Maschine, um Wasser in den Meiler zu pumpen ist im Moment eine 50 m hohe Betonpumpe made in Germany. 
Bitte betet weiterhin mit uns, dass sich die Situation nicht noch mehr verschärft. Es grenzt so schon fast an das Unmögliche, die bisherigen Schäden wieder aufzubauen. 
Bitte betet auch für Herr Sato, den Vizeminister für Verkehr und Infrastruktur. Er ist Christ und ein langjähriger Freund von amerikanischen Missionaren. Auf ihrer Webseite schreiben sie, dass er nicht nur von der Regierung die Verantwortung für die Lösung der Situation im Kernkraftwerk übertragen bekommen hat, sondern auch die Aufbauarbeiten der Infrastruktur in den betroffenen Gebieten leiten muss. Diese doppelte Last liegt sehr schwer auf ihm. Er und seine Frau, die in Übersetzungsprojekten von christlicher Literatur mitarbeitet, brauchen unsere Gebetsunterstützung. Gott hat diesen Mann nicht zufällig in dieses Amt gebracht, sondern will ihn gerade in solchen Krisenzeiten als Zeugnis in Japan benutzen (mehr Details hier).

Mittwoch, 23. März 2011

Wie kann man von Deutschland aus helfen?

In den letzten Tagen erreichten mich immer wieder Emails mit der Anfrage, wie man den helfen kann und wie man sicher gehen kann, dass das Geld nicht nur bei den Menschen ankommt, sondern dabei auch die Liebe Christi weitergegeben wird.
Wenn man über das Konto der ÜMG (Konto Nr.: 350 005 161 bei der Sparkasse Oberhessen (BLZ 518 50079)) eine Spende mit dem Verwendungszweck "Erdbeben Japan" macht, wird das Geld hier in Japan an die christliche Organisation Crash (siehe unten) weitergeleitet. 
Das Wetter ist weiterhin sehr kalt und es schneit. Da bleiben mir die Menschen in den Notunterkünften ein besonderes Gebetsanliegen. 



Auszug aus der Webseite der ÜMG (http://www.omf.org/deutschland):
Christliche Katastrophenhilfe läuft an
Die ÜMG in Japan arbeitet eng mit CRASH (Christian Relief, Assistance, Support and Hope), einem christlichen Netzwerk, zusammen. CRASH arbeitet eng zusammen mit der Japanischen Evangelischen Allianz. CRASH ist in der Lage, rasch, gezielt und fachmännisch Nothilfe zu leisten. Dadurch helfen sie den einheimischen Gemeinden, auf praktische und effektive Art Jesu Liebe weitergeben.
Nach ausgedehnten Erkundungen und Planungen konnte heute (17.3.) das erste Team mit Hilfsgütern nach Sendai aufbrechen. Der Kindergarten, in dem das Basislager eingerichtet wird, ist in 40 Kilometer Entfernung zu den nuklearen Reaktoren. Der Teamleiter Drew Glossen, der 2007 ein Erdbeben überlebte und damals selber Hilfe von CRASH erhielt, sagte über das Team: „Wir wollen endlich mit der Arbeit beginnen! Der Schnee macht uns etwas nervös, aber das Wetter ist im grossen und ganzen gut, also müsste alles klappen.“
Die Organisation „Feed the Hungry“ hat mittlerweile 500.000 Portionen Nahrung zur Verfügung gestellt, die durch das Basiscamp in Sendai an die Bevölkerung verteilt werden kann. Andere Organisation haben Hilfe versprochen. CRASH benötigt Mittel, um die Hilfe schnell zu den Opfern zu bringen.
Mittlerweile haben sich schon über 500 Missionare und japanische Christen bei CRASH zur Mitarbeit gemeldet.
Unterstützen Sie die Arbeit dieses Netzwerkes. Stichwort: "Erdbeben Japan"
Weitere Informationen finden Sie (auf Englisch) auf der Homepage der Organisation, sowie auf Facebook und auf Youtube.
http://www.youtube.com/user/crashjapan
http://www.facebook.com/crashjapan
http://crashjapan.com/

Dienstag, 22. März 2011

Umgang mit der Krise im japanischen Fernsehen

Die erste Woche nach dem Erdbeben sendeten alle fünf Fernsehprogramme rund um die Uhr Nachrichten über die Erdbebenopfer oder Analysen zum Reaktorunglück. Natürlich gab es ständig Meldungen über Tsunamiwarnungen und Nachbeben. Besonders eindrücklich empfanden wir es, dass die Namen und das Alter der Todesopfer in den ersten Tagen einzeln in den Untertiteln eingeblendet wurden. Mehr als 10.000 Todesopfer, ist nicht nur eine anonyme Masse von Menschen, sondern jeder einzelne lässt eine Familie zurück. Jeder einzeln wurde jäh aus dem Leben gerissen und seine Träume waren zu Ende. Der Ausmaß der Not ist in manchen Orten so groß, dass es nicht mehr möglich ist, jeden individuell zu bestatten. Deshalb hat der Staat Sondergenehmigungen erteilt, die Opfer in Massengräbern zu bestatten. Normalerweise ist in Japan die Feuerbestattung Gesetz.
Trotzdem kehrt nach und nach das Fernsehen zu den üblich schrillen Fernsehshows, den unzähligen japanischen Serien und der Werbung zurück. Nur noch der nationale Sender NHK sendet noch fast ausschließlich Berichterstattungen über die Katastrophe und aktuelle Nachrichten.


Gestern, am japanischen Feiertag zum Frühlingsanfang, wurde in sehr bewegender Weise von zwei Künstlern in einer Sendung die japanische Gefühlslage portraitiert. Zu einem bekannten japanischen Lied entstand das Bild mit den japanischen Schriftzeichen 一心 日本 während ein anderer Künstler ein Ikebana-Gesteck entwarf. Wörtlich übersetzt heißt es: "Japan - ein Herz" und bedeutet so viel, dass Japan in dieser Krise zusammen halten will und muss. Ob es ganz praktisch gelebt werden kann?
So wurden im Großraum Tokyo Toilettenpapier und Papiertaschentuch knapp wegen Hamsterkäufen. Diese sind aber besonders in den Erdbebengebieten von Nöten. Wie lange haben die Menschen im Norden Geduld, an den Tankstellen für 10 l Benzin Schlange zu stehen, weil das knappe Benzin so dringend für Soforthilfe benötigt wird?
Die Regierung hat sofort beruhigt, dass es keine Steuererhöhung geben wird, aber würde dies nicht gerade ein Zeichen der Solidarität sein?
Auch für uns Christen ist dies eine Herausforderung. Obwohl wir als Bezirksgemeinde (Itayanagi, Kanagi und Harvest) zusammen stehen wollen und mithelfen wollen, die Not zu lindern, war von der christlichen Einheit bei unserer jährlichen Mitgliederversammlung wenig zu spüren. Eine langjährige Meinungsverschiedenheit kam zum Eklat. Bitte betet, dass durch den Heiligen Geist die Einheit in den verschiedenen Gemeinden gestärkt wird, damit Kräfte nicht unnötig innerhalb den Gemeinden verbraucht werden.
Bitte betet auch, dass Japan mit Solidarität und Einheit diese Krise bewältigen kann und trotzdem spürt, dass sie den Schöpfer mit im Team brauchen.

Japaner helfen Japanern

Heute morgen bin ich sehr frustriert aufgewacht. Der elfte Tag nach dem Erdbeben, und es ist immer noch nicht möglich, praktisch mitzuhelfen. Die Hilfsorganisation, mit der wir zusammen arbeiten, ist nach wie vor im Aufbau und für das erste Team, das heute in die Nachbarpräfektur Iwate geht, wurden andere Missionare ausgewählt. Es macht keinen Sinn selbst mit dem Auto einfach dorthin zu fahren, denn ohne Benzin kommt man nicht mehr zurück. "Also wird dies wieder so ein ganz normaler Tag...", dachte ich beim Frühstück. "Lohnt es sich wirklich dafür, vier Wochen von meiner Familie getrennt zu sein?" Beim Emailabrufen las ich dann den unten übersetzten Artikel, der mich sehr ermutigte.
Gott arbeitet hier in Japan durch seine Gemeinde. Unsere Vision, dass Japaner die Liebe Christi zu anderen Japaner bringen, wird eben gerade jetzt, da viele Missionare ausgebremst sind, wahr. Wahrscheinlich ist es gerade gut, dass es Ausländern nicht möglich ist, sofort an vorderster Front zu sein. Wir sind in einer besonderen Zeit, in der unsere japanischen Geschwister wachsen können. Viele Missionare wurden von ihrer Missionsgesellschaft oder Botschaft nach Hause beordert, andere sind weit weg und selbst wenn sie wollen, haben sie es schwer vor Ort zu kommen. Aber Gott wirkt trotzdem oder gerade ganz besonders in dieser Not. Nun ist die Zeit, in der wir Ausländer in die zweite Reihe zurücktreten und unseren japanischen Geschwistern die Chance geben, Erfahrungen mit Gott zu machen. Ich bin sicher, dass der Heilige Geist mächtig in ihnen und durch sie wirken wird, wie der nachfolgende Bericht zeigt. Gott hat diese Gemeinde wunderbar auf diesen Tag vorbereitet und ihnen sowohl die nötigen Räumlichkeiten als auch erfahrene Leiter geschenkt. PTL!

Auszug aus der japanischen Website von Word of Life Ministries (http://jpnews.org/pc/modules/mysection/item.php?itemid=107) 21.3.2011 14.00 Uhr von Herr Nakata:

Die evangelische Christusgemeinde Hira in der Stadt Iwaki ist etwa 50-60 km entfernt vom Fukushima Atomkraftwerk. Seit dem Erdbeben ist die Gemeinde stark involviert die Not in der Region zu lindern.
Student Takahashi berichtet:

Das Gemeindehaus brannte bei einem Feuer im Dezember 2009 ab. Shohei Yamamoto, ein Gemeindeglied, verlor ebenfalls fast alles, jedoch hatte sein Vater ein Pachinko (Spielhalle), das dann zur Kirche umgebaut wurde. Im zweiten und dritten Stock entstanden Gemeinschaftsräume und eine Wohnung für den Pastor. Darüber hinaus hat das Gebäude drei Küchen, drei Toiletten und viele andere Räume. All diese Räume werden jetzt genutzt, um Vorräte zu lagern und Menschen eine Notunterkunft anzubieten.  Obwohl nach dem Erdbeben in der ganzen Stadt der Strom ausfiel und die Wasserversorgung zusammen gebrochen ist, gab es im Gemeindehaus weder mit Wasser noch mit Strom Probleme.

Die Gemeinde hat seit Jahren ein besonderes Anliegen, unter Studenten und jungen Menschen zu arbeiten. Yoshitaka Ikarashi, der ein christliches Internetradio gegründet hat, vereinigte letztes Jahr die Jugendarbeit verschiedener Gemeinden unter dem Namen "Love Revolution". Diese Initiative ist seitdem im ganzen Land unterwegs, um in Zusammenarbeit mit Gemeinden vor Ort, junge Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. Dieses Kontaktnetzwerk ist nun eine große Stütze für die lokale Hilfe vor Ort geworden. Bereits beim Erdbeben in Niigata und in Sumatra haben sich einige Gemeinden eingeklinkt, Hilfsgüter zu sammeln, so dass dieses Mal schnell gehandelt werden konnte.

Herr Ikarashi und eine Gruppe von Christen konnten nun in kurzer Zeit eine Lebensmittel-Versorgungskette für Menschen in Not herstellen. Dazu benutzen sie die Lastwagen einer Firma, um Essen und gefiltertes Wasser zu den Notunterkünften in der Umgebung zu bringen.

Diese Gruppe von Christen handelt im Glauben und aus dem Gebet. Sie haben sich entschieden in der Stadt Iwaki zu bleiben, bis die Arbeit getan ist.

Gebetsanliegen:
1. Leute, die nicht aus dem Haus können, brauchen am meisten Unterstützung.
Die Gemeinde versucht besonders die alten Leute, die alleine leben, in Heimen oder im Krankenhaus sind, nicht zu vergessen.
2. Die notwendigen Bedürfnisse ändern sich über die Länge der Zeit.
Da die Infrastruktur immer noch nicht intakt ist, braucht es nach wie vor die Notversorgung mit Dosenessen, etc. Nach und nach wird es aber auch notwendig, Gemüse und frisch zubereitet Essen zu verteilen. Darüber hinaus hatten viele keine Möglichkeiten, in den letzten 10 Tagen zu duschen oder die Unterwäsche zu wechseln.
3.  Die Menschen müssen emotional betreut werden.
Damit Leute etwas zu tun haben, werden dringend Spielsachen, Bücher, etc. gesucht. Viele Japaner sind in Trauer um ihre Angehörigen und brauchen seelsorgerliche Unterstützung.
4. Offenheit für Christus
Viele Menschen sind sehr offen. Da ist keine Zurückhaltung, selbst wenn sie sich als Gemeindeglieder oder als Pastor vorstellen. Menschen sind offen, über ihr Leid zu sprechen oder sogar Gebet zu empfangen. Bitte betet, dass die Opfer des Erdbebens, Gottes Liebe erleben können. Bitte betet, dass die Christen sie von Herzen lieben können, wie Jesus sie liebt.

Montag, 21. März 2011

Informationen

Wer die Nachrichten in den letzten Tagen verfolgt hat, ist sicher erschrocken über die hohe Anzahl der Vermissten. Diese Zahl bewegt sich nach wie vor in den Zehntausenden. Es wird wahrscheinlich noch Monate dauern, bis wirklich klar wird, wer vermisst bleibt oder wer an anderen Orten im Land Zuflucht genommen hat. In Japan werden diese Leute als vermisst gelten bis ihr Tod bestätigt werden kann oder sie wieder registriert sind. Deshalb muss zu der Zahl der Todesopfer immer ein Großteil der Vermissten hinzugerechnet werden.

Wie durch ein Wunder sind nochmals zwei Leute nach 9 Tagen lebendig gefunden worden, eine alte Frau und ein 16-jähriger Junge.

Vorhin haben sie in den Nachrichten einen Link einer Webseite mitgeteilt, bei der man die momentane radioaktive Strahlung seiner Präfektur nachschauen kann. http://www.mext.go.jp/english/radioactivity_level/detail/1303986.htm
Ich kann jetzt sicher sein, dass das strahlende Wetter heute wirklich nur im natürlichen Sinn strahlend ist...

Hilfe für Iwate

In Hokkaido stehen freiwillige Helfer bereit, in der Nachbarprovinz Iwate mitzuhelfen, die Not zu lindern. Als erster Schritt muss allerdings eine Basis dort gefunden werden, von der aus die Helfer eingesetzt werden können. Gestern berichtete mir mein Kollege Martin, dass das Gebäude einer Baptistengemeinde, dass als zerstört geglaubt wurde (die Armee hatte das Gebiet abgeriegelt, so dass es niemand nachprüfen könnte), nun scheinbar doch noch intakt ist und als mögliche Basis benutzt werden kann. Von den wenigen Gemeindegliedern ist nur noch eine ältere Frau in einer Notunterkunft übrig geblieben, die anderen gelten als vermisst oder haben die Region verlassen. Heute sind Martin und John nochmals los gefahren, um diese Situation zu lösen. Sie haben eine spezielle Erlaubnis bekommen, die Autobahn zu benutzen. Dort ist die Wahrscheinlichkeit höher, tanken zu können.
Die Präfektur Iwate ist flächenmäßig die größte Präfektur Japans (etwa die Größe von Israel) und hat die wenigsten Gemeinden. Kein einziger Missionar arbeitet zur Zeit in dieser Präfektur, um Gemeinden zu gründen!
Im Bezirksgottesdienst gestern bekamen wir erneut einen Eindruck vom Ausmaß der Verwüstung. Da sich die Armee besonders auf die größeren Städte konzentriert, sind viele kleine Orte noch ohne Hilfe. 
Eine kleine Gemeinde (16 Mitglieder) in der 60.000 Einwohner-Stadt Miyako hat das Erdbeben unbeschadet überstanden. Die Tsunami stoppte auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Pastor dieser Gemeinde ist jeden Tag von morgens bis abends in den Notunterkünften. Er massiert die Leute, spricht mit ihnen und versucht ihnen neuen Mut zu machen.

Trotz erhöhter Strahlung nüchtern bleiben

Ich habe das Vorrecht, etwa 400 km vom Atomkraftwerk entfernt zu wohnen. Wie ich von japanischen Freunden gehört habe, ist die radioaktive Strahlung hier im Normalbereich. Aber selbst bei erhöhten Werten in Tokyo und anderen Gegenden, muss man die Perspektive bewahren. Außerhalb der 30 km Zone um den Reaktor besteht weiterhin keine Gefahr für die Gesundheit. Man kann weiterhin die Wäsche draußen aufhängen, die Kinder können draußen spielen und selbst die erhöhten Werte in manchen Lebensmitteln aus der Prefektur Ibaraki heißen noch nicht, dass man sich gleich daran vergiftet. Die Gesundheitsrisiken in anderen Bereichen sind im Moment für die Japaner viel größer: Mehr als 200.000 Menschen harren in Notunterkünften aus. Es ist kalt, viele Menschen sind ohne Strom und können dadurch ihre Heizung nicht benutzen. Hier in unserer Region geht die Grippe durch Kindergärten und Schulen. Selbst die Gefahr von Unfällen, wenn Leute ihre Heimat verlassen, um sich in anderen Teilen in Japan in Sicherheit zu bringen, darf man nicht unterschätzen.
Für wenn wir uns wirklich Sorgen müssen, sind die Feuerwehrmänner, Techniker und Soldaten, die seit einer Woche im ständigen Einsatz sind, um das Schlimmste im Atomkraftwerk zu verhindern. Wir können Gott danken, dass es gestern gelungen ist, vier der sechs Blöcke wieder an das Stromnetz anzuschließen. Im Moment arbeiten sie fieberhaft daran die Pumpen und Rohre zu überprüfen, damit das Kühlsystem wenn möglich heute wieder eingeschaltet werden kann. Daneben gehen die Notmassnahmen am Block 3 weiter. Das Ziel ist 1000 Tonnen Wasser in den Reaktor zu bringen und gestern waren die Feuerwehrmänner 13 Stunden mit ständig wechselnder Besetzung im Einsatz. Zur Seite steht ihnen ein Zweig der Armee, der sich auf biologische Kriegsführung spezialisiert hat. "Wir kämpfen gegen einen unsichtbaren Feind und es ist schwierig fokussiert zu bleiben!", sagte heute ein Feuerwehrmann im Fernsehen. Um die Radioaktivität abzuhalten, tragen sie teilweise 22kg schwere Schutzkleider, die die inneren Organe vor der Radioaktivität schützen sollen.
Seit Beginn der Katastrophe schöpft Japan neue Hoffnung, dass der Kampf gegen den Super-Gau erfolgreich enden kann. Bitte betet mit, dass es wirklich gelingt.


Auch ich habe neue Zuversicht, dass meine Familie wie geplant am 14. April wieder zurück kommen kann und wir unseren Dienst hier in Japan gemeinsam fortsetzen können.

Sonntag, 20. März 2011

Leere Regale und geschlossene Tankstellen

Leere Regale sind für uns hier in Japan eine Neuheit.
Bisher waren die „convenient stores" (24 Stunden offene Minisupermärkte), immer bis zum Rand aufgefüllt. Trotzdem lernt man dabei neu schätzen, was sonst so selbstverständlich ist. Eine gute Lektion für uns und die Menschen hier.




Auch das Tanken ist eine Herausforderung geworden. Seit letzter Woche sind viele Tankstellen geschlossen. Oft öffnen sie nur für einige Stunden und es bilden sich lange Schlangen. Von Volltanken kann man nur noch träumen. Meist bekommt man nur 10-12 Liter. Allerdings wird sich die Situation wohl nächste Woche wieder bessern, da der Transport von Benzin auf die Schienen ausgelagert werden soll. An der Küste zum Japanischen Meer hat es kaum Schäden gegeben und so soll diese Route vorerst genutzt werden.
In der Nachbarprovinz Ivate ist es noch verheerender. Mein kanadischer Mitmissionar Martin Ghent versucht, eine Basis für ein Hilfswerk zu finden und aufzubauen. Morgen will er nochmals hinfahren, aber im Moment sind wir dran Benzinkanister zu sammeln, damit er dann auch wieder zurückkommen kann. Gestern konnte ich Ausnahmsweise 20 l bei ! einer kleinen Tankstelle im Ort bekommen. Auf den Preis schaut im Moment niemand mehr...

Ein Pastor auf der Suche nach seinen Gemeindegliedern

Jesus: "Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte opfert sein Leben für die Schafe. Ein Schäfer, der nur für Lohn arbeitet, läuft davon, wenn er einen Wolf kommen sieht. Er wird die Schafe im Stich lassen, weil sie ihm nicht gehören... Ich bin der gute Hirte; ich kenne meine Schafe und sie kennen mich... Ich gebe mein Leben für die Schafe." Joh 10,11-15
Pastor Sato ist der Leiter einer größeren Gemeinde in Fukushima. Die Gemeinde besteht aus der Muttergemeinde nahe dem Atomkraftwerk und drei weiteren Tochtergemeinden in der größeren Region. Einige seiner Gemeindeglieder arbeiten bei den Rettungsarbeiten im Reaktor mit. Nach dem Erdbeben und der Tsunami hat er sich auf den Weg gemacht, um nach seinen Gemeindegliedern zu schauen. Auf der Gemeindewebseite berichtet er:
Vielen Dank für eure Gebete. - Um Mitternacht des 15. März brachen meine Frau und ich gegen Norden auf, mit einer Wagenladung von Hilfsgütern. Nachdem die Polizei unsere Geschichte gehört hatte, bekamen wir eine besondere Erlaubnis, um Benzin zu kaufen. Immer, wenn wir ein Geschäft sahen, kauften wir, was wir kaufen konnten.
Auf dem Weg hatte sich die Straße zum Teil gesenkt; viele Häuser waren zerstört. Das Radio warnte uns, nicht in die Nähe der Atomkraftwerken zu gehen, weil es dort wieder Explosionen gegeben hatte. Wir entschieden uns jedoch, trotztem zu gehen. Zehn lange Stunden später erreichten wir endlich eine unserer Gemeinden (Aigu, am Berghang von Fukushima), wo wir eine Notunterkunft errichteten. Halleluja!
Über 60 Personen (ein Drittel unserer Mitglieder), die sich vor dem Tsunami retten konnten, kamen hinzu, nachdem sie auf Strahlung untersucht worden waren. Nachdem wir alle zusammen waren, hielten wir einen Gottesdienst. Ich hörte viele Menschen Schluchzen ... sie waren durch schwierige Zeiten gegangen! Viele sagten zueinander: "Wir sind am Leben."

Ausblick auf unsichere Zeiten

Unser Zigeunerleben hat erst begonnen. Wie viele von uns hatten nur, was sie am Leib trugen. Es hatte bisher keine Waschgelegenheit gegeben. Einige kamen ohne Essen oder Trinken. So begannen wir 60 unser gemeinsames Leben, alt und jung. Das erste, was wir nun dringend benötigen, sind nun Wasser und Benzin. Ich fühle mich wie Moses mit dem Volk Israel in der Wüste.
Vorläufig entschieden wir, weiter in den Norden gehen (Yonezawa, Präfektur Yamagata). Wir waren so dankbar, als wir als Flüchtlinge willkommen und aufgenommen wurden.
"Herr, beschütze deine Herde und den Rest, der überall verstreut war."
(Bericht zur Verfügung gestellt von Pastor Akira Sato von der Fukushima First Baptist Church; übersetzt von Joachim König)
Mittlerweile ist er sicher zurückgekehrt.