Mittwoch, 30. März 2011

mittendrin

Mit meinem Kollegen John, der ebenfalls in Aomori arbeitet, ging es heute morgen früh los vom CRASH-Centre in Tono zu einem erneuten Einsatz nach Ofunato. Dort angekommen konnten wir etwas weiter am Gemeindehaus der Baptistengemeinde arbeiten. Doch nach zwei Stunden habe ich mich wieder in der Nachbarschaft umgeschaut, um dort zu helfen. Ein Gemeindeglied stellte mich wieder einem Nachbarn vor, so dass ich dort mitarbeiten konnte. Lastwagen vom Schlamm befreien, und zwar nicht nur von außen sondern auch von innen! Die Tsunami reichte bis unters Dach der Halle und das komplette Führerhaus der zwei LKWs war verschlammt. So spritzte ich hunderte von Liter Wasser in das Führerhaus um die Schlammschicht heraus zu bekommen. Zum Glück sind es ältere Modelle, die kaum elektronische Bausteine enthalten, so dass es noch Hoffnung gibt, sie zu reparieren. Am Nachmittag fuhr ich mit Martin in die Nachbarstadt Rikuzentakata. Das Ausmass der Zerstörung war unglaublich. Die Stadt hatte gerade erst letztes Jahr einer der besten Tsunami-Schutzwälle weltweit fertiggestellt. Leider reichte er nicht aus. Die 33.000 Einwohner Stadt war bis zu den Bergen hin komplett zerstört. Die Tsunami war so hoch, dass selbst der dritte Stock eines Hauses noch zerstört wurde.




Kilometerweit ein großes Geröllfeld, wie nach einem Bombenangriff. Wir hatten Informationen, dass es dort eine kleine Kirche gegeben hatte und waren auf der Suche, ob diese überlebt hat. Als wir nach der Adresse fragten, machte uns die Frau wenig Hoffnung, dass das Gebäude überlebt hätte. So fuhren wir durch die Schuttwüste, in der das Militär einige Straßen geräumt hatte, in der Hoffnung noch etwas anzutreffen. Die letzten Meter zu einem Hügel liefen wir zu Fuß, vor uns nur ein paar wenige Häuser, die hoch genug am Hang gebaut waren, um zu überleben. Ob gerade da die Kirche dabei sein wird. Doch tatsächlich, hat Gott das Gebäude bewahrt. Das Wasser stoppte am Parkplatz und schwemmte gerade noch ein Auto an, aber die Gemeinde hat nichts abbekommen. 
Dann trafen wir das Pastorenehepaar. Ein weiteres Beispiel von den Helden Japans. Beide schon längst im Pensionsalter begrüssten uns herzlich. Man konnte ihnen die leidvollen letzten Wochen abspüren, aber auch die Dankbarkeit und Freude, dass Gott sie bewahrt hat. Als die Tsunami kam flohen sie auf einen Berg und beteten, dass Gott ihre Gemeinde schützen solle. "Herr, stopp die Welle, wir müssen doch diesen Menschen, von Dir weitersagen!" Und Gott hat erhört. Obwohl sie kein Wasser, Strom, Toilette und Gas benutzen können, sind sie nach wenigen Tagen in das Haus zurück gekehrt, um den Menschen zu helfen, die dort um Hilfe fragen. Sie haben ein paar Lebensmittel von Freunden bekommen und verteilen diese an Bekannte und Nachbarn. Inmitten der Verwüstung, um sie herum, sorgen sie sich um andere. Und die Menschen um sie herum merken in dieser Not den Unterschied zwischen Buddhismus, der jeden einzelnen seinem Karma überlässt (zumindest von Seite der Tempel) und dem christlichen Glauben, der Menschen zur Fürsorge zueinander aufruft. 
Was mich heute fast zu Tränen berührt hat, war nicht etwa der Ausmass der Verwüstung, sondern die Erinnerung an Einzelschicksale. Der Pastor erzählte von einem Freund, der einen Kindergarten leitete. Auf der Flucht vor der Welle, mussten sie den Kindern vorauslaufen, damit diese ihnen folgen konnten. Sie ermahnten immer wieder nicht zurück zu schauen, sondern zu laufen, so schnell sie konnten. Leider sind einige der Kinder doch von der Aufregung  abgelenkt worden und haben es nicht mehr geschafft... 

Gott sei Dank, haben es die Kinder der Grundschule alle geschafft.
Wenn man die Verwüstung sieht, bleibt es ein Wunder, dass trotz allem nur 2.000 Leute und nicht 20.000 verunglückten.

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