Montag, 4. Juli 2011

Community Café Einsatz in Otsuchi/Iwate Präfektur

Seit einigen Wochen fährt Micah Ghent in seinen Semesterferien mit einem mobilen Café in der Küstenregion Iwates verschiedene Orte an. Meist sucht er eine passende Stelle nahe einer Massenunterkunft oder eines neu entstandenen Wohngebietes mit temporären Unterkünften, bei dem er sein Café aufbaut. Neben kostenlosen Getränken und Kuchen, gibt es auch einen kleinen Büchertisch mit christlicher Literatur, die den Opfern der Tsunamikatastrophe helfen soll, die traumatischen Ereignisse der letzten Monate zu überwinden.
Am Samstag, den 25.6., konnten wir uns als Kanagi Gemeinde ebenfalls in diese Arbeit für einige Stunden einklinken. In der vorangegangen Bibelstunde backten wir gemeinsam Kekse, außerdem bereiteten wir Bastelarbeiten für Kinder und Kuchen vor. Dann ging es um 5.00 Uhr in der früh los zum Einsatz. Obwohl wir in der Nachbarpräfektur wohnen, dauert ein Weg 5 Stunden. Bei der Ankunft hatte Micah bereits alles aufgebaut und unsere Hauptaufgabe war es dann, uns um die Gäste zu kümmern. Diesmal waren wir in Otsuchi, einem Ort, bei dem am 11. März die Hälfte der Bevölkerung ums Leben kam. Viele junge Leute haben in den letzten Wochen die Region verlassen, um anderswo Arbeit zu finden, und so herrscht eine gewisse Hoffnungslosigkeit. Wir befanden uns etwa 100m von der Verwüstung entfernt, in einer Nachbarschaft, die noch intakt ist. Dort hat ein Anwohner ebenfalls ein paar Zelte aufgebaut, damit Leute einen Platz zum Austausch haben. Von seiner Verwandtschaft kamen 20 ums Leben, von denen nur 5 gefunden werden konnten. Als Überlebender fühlt er die Verantwortung, etwas zu tun.
Die Leute die kamen, waren dann auch sehr unterschiedlich von der Katastrophe betroffen.
Unser Sohn Aviel bastelte mit zwei Mädchen und erst nach einer Weile stellte sich heraus, dass das eine durch die Tsunami Mutter und Schwester verloren hatte und nun mit dem Vater bei einem Onkel untergekommen ist.
Eine ältere Frau erzählte über ihr Leben in der Massenunterkunft. Durch den Stress leidet sie an Bluthochdruck und nimmt regelmäßig Beruhigungsmittel. Die einseitige Ernährung der letzten Monate macht ihr ebenfalls zu schaffen. Sie sucht immer noch nach ihrer Schwester, die sich in einer anderen Notunterkunft befinden soll. Aber da weder sie noch ihre Schwester eine Telefonnummer oder Adresse voneinander haben, können sie keinen Kontakt aufnehmen.
Ein Mann berichtete, dass er endlich eine temporäre Wohnung zugeteilt bekommen hat und am nächsten Tag umziehen kann. Diese neu errichteten "Blechhäuser" sind zwar sehr eng, haben aber wenigstens eine kleine Küchenzeile und ein eigenes Bad.
Eine Anwohnerin, deren Haus nicht von der Tsunami betroffen war, wirkte auf den ersten Blick sehr gefasst. Aber im Gespräch stellte sich heraus, dass sie ihre 35-jährige Nichte und deren Sohn, der im April eingeschult werden sollte, verloren hat. Am Sonntag zuvor wurde der neue Ranzen ausgepackt und sie waren noch alle zusammen essen. Sie berichtete, dass ihre Nichte mit dem Sohn nach dem Erdbeben sofort in das vorgesehene Gebäude zum Schutz vor der drohenden Tsunami geflohen sei. Aber von den über 200 Menschen, die sich dorthin gerettet hatten, haben nur 20 überlebt. Das Wasser spülte bis fast zur Decke des 2. Stockwerks ins Haus. Als das Militär das Haus später nach Toten durchkämmte, fanden sie die Mutter im 2. Stock, doch den Jungen nicht. Schließlich hat sich der Vater nochmals auf die Suche gemacht und seinen Sohn dann im 1. Stock gefunden. Die Frau war davon so mitgenommen, dass sie nun regelmäßig Beruhigungsmittel und Medikamente gegen hohen Blutdruck einnimmt und nicht mehr alleine an einem Ort sein kann.
Später kam ein Bus mit freiwilligen Helfern aus Tokyo, die ebenfalls dankbar für eine Tasse Kaffee waren und Interesse an den Büchern zeigten. Gegen Nachmittag konnten wir sogar zwei deutsche Lehrer der dt. Schule in Yokohama treffen. Die Mütter der Schulkinder hatten viele kleine Kuchen gebacken, die sie in der Region zur Ermutigung der Menschen verteilten.
Wir waren erstaunt, wie offen und dankbar die Menschen in Otsuchi waren. Normalerweise braucht es lange, bis sich Japaner für andere öffnen und Anteil an ihrem wahren Ergehen geben.
Wir sind dankbar, dass wir den Menschen trotz der begrenzten Zeit ein wenig Hoffnung bringen konnten.

Übrigens gibt es nun auch eine dt. Übersetzung von Berichten der Arbeit von Crash: crashjapan.de